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Zum Tod von Raymond Briggs : Das Herz des Schneemanns

Raymond Briggs, 1933 bis 2022 Bild: Picture Alliance

Mit „When the Wind Blows“ wurde er weltberühmt, doch Raymond Briggs hat noch viel mehr Bewegendes geschaffen: Seine vergehenden Figuren feierten das Leben. Jetzt ist der englische Bilderbuchkünstler mit 88 Jahren gestorben.

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          Raymond Briggs war einmal der Autor der Stunde, ach was, eines ganzen Jahrzehnts. Das war in den Achtzigern. Die Abrüstungsdebatte hatte die ganze Welt erfasst, die Angst vor dem Atomkrieg trieb Hunderttausende auf die Straßen, und Briggs veröffentlichte 1982, im Jahr der großen Abrüstungsdemonstration im Bonner Hofgarten, „When the Wind Blows“, die Geschichte eines englischen Arbeiterehepaars, das sich auf die karge Nachricht hin, Feindseligkeiten seien ausgebrochen, in einen Schutzraum begibt und dort den Atomkrieg überlebt. Das alles geht schnell, denn dann geht das Geschehen erst richtig los, und wie Briggs die Situation in einer vom Fallout verseuchten Welt darstellt, ist unvergesslich (und hat sogar einige komische Komponenten, die die Lektüre erträglicher machen).

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ein Jahr später war das Buch ins Deutsche übersetzt (“Wenn der Wind weht“) und fand auch hierzulande wie überall sonst in der westlichen Hemisphäre ein Riesenpublikum, und vier Jahre später, 1986, war es verfilmt, als Trickfilm mit Musik von solchen Megastars wie David Bowie, Genesis oder Roger Waters, und das im Jahr von Tschernobyl.

          Ertragreicher hatten grässliche Zeitläufte noch nie einem Bilderbuchautor in die Hände gespielt, und Briggs, als 1934 Geborener während des Zweiten Weltkriegs aus London evakuiert und dann während seiner Militärzeit als Zeichner fernab allen normalen Kriegsdienstes, den er als überzeugter Linker ablehnte, eingesetzt, fand sich plötzlich als jemand wieder, der gelesen wurde wie ein prophetischer Ratgeber.

          Mit einem Comic, denn das war „When the Wind Blows“ – und heute gilt der Band manchen als erste international erfolgreiche Graphic Novel, also als ein Comic, der seinen Weg in die Buchhandlungen fand statt wie zuvor immer nur an die Kioske. Dabei handelte es sich um eine Fortsetzung, denn aus dem Leben des Ehepaars Bloggs hatte Briggs schon 1980 in „Gentleman Jim“ erzählt – damals noch weitgehend unbeachtet. Aber da ging es ja auch nicht um einen Atomkrieg.

          Comic-Elemente waren ein Markenzeichen von Briggs‘ Bilderbüchern, vor allem die Verschmelzung von Text und Zeichnungen. So hatte er in der ersten Hälfte der siebziger Jahren schon seine beiden Bücher über „Father Christmas“ gestaltet, und auch „Fungus the Bogeyman“ von 1977 setzte diesen Stil noch fort, doch dann kam „The Snowman“, sein erstes stummes Bilderbuch, also ohne irgendeinen Text.

          Es sollte in jeder Hinsicht das Gegenteil des arbeitsaufwendigen „Fungus“ werden: „Zwei Jahre lang war ich unter Dreck, Schleim und Wörtern begraben, da wollte ich mal etwas Sauberes machen“, hat Briggs später gespottet, und das Resultat war dieser niedliche weiße Schneemann, der die Herzen des britischen Publikum sofort gewann. So sehr, dass der gesellschaftlich engagierte Briggs sich schleunigst wieder einem ernsten, düsteren Bilderbuchthema zuwandte, nämlich dem von „Gentleman Jim“, für das er die Erfahrungen seiner aus der Arbeiterklasse stammenden Eltern als Anregung nutzte. „Bloggs“ und „Briggs“ – der Gleichklang der Familiennamen war als subtiler Hinweis darauf gedacht.

          Für sein Bilderbuch „The Snowman“ von 1978 ließ sich Briggs von Winsor McCays Comic „Little Nemo“ inspirieren, aber er machte aus den Reisen eines schlafenden Knaben mit einem fabelhaften Begleiter ein klassisches Bilderbuch.
          Für sein Bilderbuch „The Snowman“ von 1978 ließ sich Briggs von Winsor McCays Comic „Little Nemo“ inspirieren, aber er machte aus den Reisen eines schlafenden Knaben mit einem fabelhaften Begleiter ein klassisches Bilderbuch. : Bild: Picture Alliance

          Nach „When the Wind Blows“ war für Briggs eigentlich nichts mehr zu gewinnen, aber er zeichnete weiter, immer nach eigenen Geschichten, und 1998 schuf er sein bewegendstes Buch: „Ethel & Ernest“, wieder die Geschichte seiner Eltern, aber diesmal ganz unverbrämt, vom ersten Kennenlernen des Paars 1928 bis zu beider Tod im selben Jahr 1971. Auch dieses Buch wurde verfilmt (diesmal schrieb unter anderen Paul McCartney ein Lied dafür), und deshalb fand sich 2015, siebzehn Jahre nach Erscheinen des Originals, endlich ein deutscher Verlag für das kleine Meisterwerk: der Comicspezialist Reprodukt.

          Wenn man dieses Buch liest, hat man alles, was Briggs ausmachte: seine Gefühlstiefe, seinen Humor, seine Melancholie und seinen unbedingten Glauben an Menschheit und Menschlichkeit. Der schmelzende Schneemann, die einsamen Bloggs, die alternden Ethel und Ernest – sie feierten jeweils das Leben. Jetzt ist ihr Zeichner gestorben, am 9. August mit 88 Jahren.

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