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Tod von Garry Marshall : Augenblick der Tränen, des Glanzes und der Ironie

„Pretty Woman“ zählt zu den bedeutendsten Filmen des verstorbenen Garry Marshall. Szene mit den Hauptdarstellern Julia Roberts und Richard Gere Bild: Allstar/Touchstone

Mit „Pretty Woman“ wurde er berühmt, aber zum Klassiker ist er nie geworden: Zum Tod des amerikanischen Filmregisseurs Garry Marshall

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          Einen kurzen Ausflug in die Hochkultur gibt es in seinen Filmen. Es ist die Szene, in der Julia Roberts mit Richard Gere in eine Aufführung von „La Traviata“ geht. Am Ende der Oper weint sich die Zuschauerin vom Straßenstrich auf dem Hollywood Boulevard die Augen aus. Aber Garry Marshall, der Regisseur, belässt es nicht bei dem Bild ihres von Tränen funkelnden Gesichts. Er zeigt zunächst den Seitenblick, mit dem Gere, der abgebrühte Börsenhai, die Rührung seiner Partnerin registriert, und dann die Kopfbewegung, mit dem er zu Violettas Sterbebett auf der Bühne zurückkehrt. In diesem Blickwechsel werden die Frau an seiner Seite und die Heldin von Verdis Oper eins. Jetzt ist der Kinozuschauer an der Reihe, gerührt zu sein: von der Cleverness, mit der Marshall sein eigenes Spiel mit dem Märchen von Liebe und Tod ins Bild setzt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt, da Garry Marshall gestorben ist, wird in jeder Würdigung wieder der Sensationserfolg von „Pretty Woman“ beschworen, und das mit Recht. Der Film war der Höhepunkt seines Lebenswerks, auch wenn „Frankie und Johnny“ – mit Al Pacino als Koch und Michelle Pfeiffer als Serviererin – die bessere Liebesgeschichte und „Freundinnen“ mit Bette Midler und Barbara Hershey die stärkeren Schauspielerinnen hat. Und es spricht für Marshalls Professionalität, dass er nie ein abfälliges Wort über die Schmonzette vom reichen Playboy und der Hure mit dem goldenen Herzen verlor, obwohl sie aus der Leiche seiner eigenen Filmidee herausgeschnitten worden war.

          Denn ursprünglich sollte „Pretty Woman“ mit der Trennung von Edward und der drogensüchtigen Vivian enden. Aber Jeffrey Katzenberg, dem damaligen Chef der Disney-Studios, gefiel dieser Schluss nicht, und so ließ er die Story und die Figuren umschreiben. Meg Ryan, Diane Lane und Michelle Pfeiffer hatten keine Lust, die Rolle zu spielen, Winona Ryder und Jennifer Connelly waren Marshall zu jung, und so nahm er Julia Roberts. Al Pacino, der mit ihr eine Sprechprobe absolvierte, zog sich zurück, für ihn kam Richard Gere. Der Rest ist Legende.

          Blick auf Klassenunterschiede

          Garry Marshall, ein Nachfahre schottischer, deutscher und italienischer Einwanderer (sein Vater hieß noch Masciarelli), hatte einen langen Anlauf zu diesem Film genommen. In der Bronx aufgewachsen, fing er als Gagschreiber für Fernsehkomiker an, dann machte er sich als Serienproduzent selbständig. Sein erster Kinofilm, „Young Doctors in Love“, war eine Sommerkomödie mit Sean Young, sein zweiter, „The Flamingo Kid“, schickte Jeff Dillon in die Privatklubs der sechziger Jahre zurück.

          Der Blick auf Klassenunterschiede, der in der Geschichte mitschwingt, spielt auch in anderen Marshall-Filmen eine Rolle, am deutlichsten in „Plötzlich Prinzessin“, der Romanze vom schüchternen Teenager, der zur Thronerbin im Staate Genovien wird. Als Erzähler aber hat sich Marshall von „Pretty Woman“ nicht mehr erholt. Der Zucker, den er auf die Bilder streute, blieb an ihm kleben, und in seinen späten Wimmelbildfilmen – der letzte, „Mother’s Day“, läuft bei uns im August an – wurde er vollends zur Glasur.

          In den achtziger Jahren war Marshall auf dem Weg, der Altmeister der amerikanischen Komödie zu werden. Dass er es nicht wurde, lag weniger an ihm selbst als an der Entwicklung des Kinos insgesamt. Zwischen den Coen-Brüdern einerseits und den handfesten „Romcoms“ der „Bridesmaids“-Generation andererseits war für die klassische Raffinesse, die aus manchen Einstellungen von „Pretty Woman“ spricht, kein Platz. So blieb es bei dem Augenblick der Tränen, des Glanzes, der subtilen Ironie – und den vielen kleineren Momenten, die ihm folgten. Am Dienstag ist Garry Marshall einundachtzigjährig in Los Angeles gestorben.

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