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Zum Tod von Philip Seymour Hoffman : Eine Überdosis Leben

Bild: AP

Mäßigung gleich welcher Art war in diesem Leben nicht vorgesehen. Der Schauspieler und Regisseur Philip Seymour Hoffman ist in New York an einer Überdosis Heroin gestorben.

          Wenn er beim Bier im Kreis seiner Kollegen saß, mit denen er die New Yorker LAByrinth Theater Company gegründet hatte, war der kräftige, gedrungene, oft schlecht rasierte Mann glatt zu übersehen. Vom Glamour eines Oscargewinners hatte Philip Seymour Hoffman nicht viel an sich, und für Hollywood war er auch im Übrigen viel zu wandlungsfähig, um in ein marktgängiges Star- und Rollenschema zu passen. Aber als Charakterdarsteller war Hoffman einzigartig.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Näselnd, fast zerbrechlich in seiner zierlichen Gestik und doch sein Ziel immer fest im Auge, verwandelt er sich auf der Leinwand in Truman Capote („Capote“, 2005), während er auf der Theaterbühne in Shakespeares „Othello“ den Jago derart gegen den Strich bürstete, dass auch dieser Regieflop von Peter Sellars einem nicht aus der Erinnerung gehen will. Vom Krankenbetreuer („Magnolia“, 1999), dem daueronaniernden Allen („Happiness“, 1998), dem stets hilfsbereiten, tatkräftigen Transsexuellen Rusty („Flawless“, 1999) über den spielsüchtigen Bankangestellten Dan Mahowny („Owning Mahowny“, 2004) und desillusionierten CIA-Mann Gust Avrakotos („Charlie Wilson’s War“, 2007) bis zum vorwärtsblickenden Pater Flynn („Doubt“, 2008), der ihm eine weitere Oscar-Nominierung einbrachte, war Hoffman immer wieder ein anderer. Nur in der Intensität und Unbedingtheit, mit der in sich in jede Rolle stürzte, ob groß oder klein, blieb er sich gleich.

          Philip Seymour Hoffman als Truman Capote mit Katherine Keener als Nelle Harper Lee, 2006 Bilderstrecke

          Er verschlang seine Rollen

          Der Vielfalt seiner Film- und Bühnencharaktere entsprach die geradezu endlose Breite der Filmgenres und Theatergattungen, die er nicht müde wurde, auszuprobieren. Es war eine Karriere, die aus Experimenten bestand, ob im Avantgardestück am Off Broadway (Adly Guiregis’ „In Arabia, We’d All Be Kings“), im Bühnenklassiker (Tschechows „Möve“, O’Neills „Long Day’s Journey into Night“, Shakespeares „Kaufmann von Venedig) oder im Action-Film mit Tom Cruise. In Sam Shepards brachialem „True West“ war er nicht weniger zu Hause als in „Mission: Impossible 3“. Was Wunder, dass sich die unterschiedlichsten Regisseure um ihn rissen und er bei Mike Nichols, Sidney Lumet und Anthony Minghella ebenso brillierte wie bei Paul Thomas Anderson und Peter Sellars. Hoffman verschlang seine Rollen, egal, wen er neben sich fand, ein Jason Robarts, ein Robert De Niro oder eben ein Tom Cruise. Er war ein Chamäleon, auf der Suche nach einer immer wieder neuen Gestalt und Erfahrung.

          In der Nähe von Rochester, hoch im Norden des Bundesstaats New York, 1967 geboren, wurde Hoffman an der renommierten Schauspielschule der New York University, der Tisch School of the Arts, ausgebildet. Sein Karrierebeginn war eher gemächlich, auch wenn er in „Scent of a Woman“ neben Al Pacino kurz auftreten durfte. Aber gerade Nebenrollen wie in Andersons „Boogie Nights“ (1997) und „Magnolia“ verschafften ihm ersten, noch überschaubaren Ruhm. Und der steigerte sich über die Jahre, bis er in „Capote“ zum Star gereift war, was aber dann auch wieder niemanden überraschte. Der Weg dahin schien für Hoffman vorgezeichnet zu sein.

          Auf Theaterabenteuer in New York

          Aber er war künstlerisch viel zu neugierig, um sich von Hollywood vereinnahmen zu lassen. New York blieb für ihn im Grunde sein Hauptanlegeplatz, der ihm erlaubte, zwischen Indies und Kommerzfilm auf Theaterabenteuer zu gehen. Off Broadway führte er selbst Regie, war lange unverzichtbar für Planungen und Aufführungen der von ihm mit mitbegründeten LAByrinth Theater Company und nahm sich sogar Zeit für einen Lehrauftrag an der Columbia University School of the Arts.

          Mäßigung gleich welcher Art war in diesem Leben nicht vorgesehen. Drogen und Alkohol waren gelegentlich seine Begleiter, seit er sich schon kurz nach seinem Studium einer Therapie unterziehen musste. Die letzten Jahre, so war zu hören, sollte er damit keine Probleme gehabt haben. Jetzt wurde Philip Seymour Hoffman in seiner Wohnung in New Yorks Greenwich Village tot aufgefunden. Es heißt, eine Heroinnadel habe in seinem Arm gesteckt.

          Er wolle sein Leben so führen, hatte er in einem Interview mit der „New York Times“ gesagt, dass er nichts zu bedauern brauche: „Ich will nicht das Gefühl haben, dass ich etwas Wichtiges verpasst habe.“

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