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Zum Tod von Peter Scholl-Latour : Keinem gefällig, allen ein Lehrer

  • -Aktualisiert am

Elegantes Aussehen selbst in Vietcong-Gefangenschaft: Scholl-Latour und Assistenten, 1973. Bild: dpa

Peter Scholl-Latour kannte alle Schurken und viele Rebellen der Welt. Als Deutscher wie Franzose war er immer Europäer und ein journalistisches Vorbild. Ein Nachruf.

          7 Min.

          Sein Büro an den Champs-Elysées war klein und düster. Von den Räumen des ARD-Studios Paris gingen kaum Fenster zum Tageslicht. Aber Peter Scholl-Latour war nicht der Mann, sich damit zufriedenzugeben. Er kaufte für den WDR um die Ecke zwei Etagen in einem neuen modernen Bürohaus, heute noch eine der besten Anlagen des Senders.

          Fünfzehn Jahre später würde ich davon profitieren, als ich sein Nachfolger als ARD-Studioleiter in Paris wurde. Selber zog er nicht mehr in die hellen neuen Räume ein. Denn er war Fernsehdirektor des WDR geworden. Für eine kurze Zeit. Als kleiner Redaktionsassistent lernte ich ihn 1969 in seinem Bürokabuff kennen. Weil ich Französisch sprach, hatte der WDR mich als Hilfskraft nach Paris geschickt.

          Ein unabhängiger Geist

          General Charles de Gaulle war vom Amt des Staatspräsidenten zurückgetreten. Neuwahlen standen an, Senatspräsident Alain Poher gegen den ehemaligen Premierminister Georges Pompidou. Mit wenigen Worten erklärte mir „Scholl“, wie er genannt wurde, weshalb Pompidou gewinnen würde. Klar. War dann auch so. Abends lud er mich nach Hause ein. Es gab Erbsensuppe. Ich hing an seinen Lippen und versuchte diesen Mann, der für uns Jüngere das Urbild des großen Journalisten verkörperte, zu verstehen.

          Er bewunderte Charles de Gaulle. Aber er war kein Gaullist. Zunächst dachte ich, Scholl sei ein Konservativer. Aber dann lobte er den Studentenaufstand vom Mai ’68 mit den Worten, das sei doch ein schönes, romantisches Erlebnis gewesen. Dabei war er während der Unruhen in Paris verletzt worden, ein Splitter hatte sich in seinen derrière verirrt. Übrigens die einzige Verletzung, die er je bei seinen Einsätzen erlitt.

          De Gaulle zu bewundern und gleichzeitig die Studentenrevolte zu romantisieren, dazu gehört ein besonders unabhängiger Geist. Den verkörperte Peter Scholl-Latour zeit seines Lebens. In seiner Gedankenwelt hatte political correctness keinen Platz. Ihm ging es auch nie darum, Gefälligkeiten auszutauschen. Er bezog seine Positionen aus Überzeugung.

          Er kannte sie alle

          Als er den Text zu seinem ersten Fernsehfilm selber sprechen wollte, kam ein Fernsehgewaltiger und sagte, da nehmen wir einen ausgebildeten Sprecher. Denn mit solch einer Stimme könne man nicht sprechen. Wer hat wohl die Sprachaufnahme gemacht? Er, Peter Scholl-Latour. Selbst sein Nuscheln wurde zum Markenzeichen.

          Fernsehen bedeutet ja auch Äußerliches. Was viele Männer selbst im Studio nicht schaffen, das verkörperte Peter Scholl-Latour sogar in der Wüste: einfach gut und elegant auszusehen. Wer die Bilder kennt, als Scholl mit Kamerateam vom Vietcong gefangen genommen worden war, der sieht ihn im Reisfeld genau so gepflegt, wie sonst in den Straßen von Saigon.

          Eine Reihe von Schlüsselerlebnissen erklären diesen Mann. So kannte er fast alle Schurken dieser Welt. Das Interesse dafür hatte den Ursprung in seiner Jugend. Als er Kind war, beschäftigte die Familie einen Chauffeur aus Polen. Diesen Mann hat Peter über alles geliebt. Später hat sich dann herausgestellt, dass der Chauffeur seine Frau umgebracht hatte.

          Peter Scholl-Latour 2011 auf der Frankfurter Buchmesse Bilderstrecke
          Peter Scholl-Latour gestorben : Peter Scholl-Latour gestorben

          In Bochum als Sohn eines aus dem Saarland stammenden Arztes und einer elsässischen (also französischen) Mutter geboren, wuchs er zweisprachig auf. Seine Eltern steckten ihn aufgrund ihrer Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten (die Mutter hatte jüdische Vorfahren) 1936 in dass streng katholische Jesuitenkolleg St. Michel in Fribourg in der Schweiz. Und die Jesuiten haben seinen Geist geschärft.

          Den Eltern wurde schließlich verboten, Geld in die Schweiz zu schicken, so dass Peter Scholl-Latour sein Abitur 1943 in Kassel machte. Ich kann mir vorstellen, dass der französische Abenteurer und Journalist Joseph Kessel ihm das Muster für ein spannendes Leben vorgespielt hat. Im Januar 1945 will Scholl-Latour sich zu den alliierten Truppen in Frankreich durchschlagen, was ihm nicht gelingt. Er flieht „in jugendlichem Übermut und sträflichen Leichtsinn“ (so schreibt er in „Leben mit Frankreich“, 1988) vor der Gestapo und kommt bei Graz in Gestapo-Haft, überlebt trotz Flecktyphus.

          Das journalistische Debüt auf der Titelseite von „Le Monde“

          Der Krieg ist zu Ende, aber nicht das Abenteuer für Scholl, ein Mann mit zwei Nationalitäten und Pässen. Eine seiner Lieblingsgestalten aus der Sagenwelt war Odysseus. Doch der Listige wollte sich in Frauenkleidern vor dem Krieg drücken, was Scholl-Latour, ganz ein Mann wie Joseph Kessel, Kampfflieger im Ersten Weltkrieg, nie in den Sinn gekommen wäre. Als Franzose verdingt er sich bei den Fallschirmjägern und kämpft zwei Jahre für die Grande Nation im Indochina-Krieg. Da hat er auch mal Opium geraucht. Es hat ihn beruhigt. Aber er erlebte dabei keine erotischen Phantasien, wie er mir erzählte, deshalb gab es für ihn auch keinen Grund, weiterzurauchen.

          Der Einsatz im Indochina-Krieg wird kein Zuckerschlecken gewesen sein. In dem Kriminalroman „Die Wüstenkönigin“ erwähne ich einen Colonel Roger Trinquier als Autor eines Handbuchs des Folterns. Dies ist ein grausames Buch, dessen darin geschilderten Methoden die französische Armee später im AlgerienKrieg anwandte, ein Buch, das an der Ecole militaire in Paris als Lehrmaterial diente und nach Südamerika und während des Vietnam-Kriegs in die Vereinigten Staaten weitergeleitet wurde. Scholl lachte laut, als er das las, und sagte mir: „Trinquier war als Oberleutnant mein Chef beim Fallschirmkommando im Indochina-Krieg.“

          Nach dem Krieg hat Peter Scholl-Latour in Paris studiert, promoviert und dann zwei Jahre im Libanon die arabische Hochsprache erlernt. Hier liegt die Wurzel für seine spätere Fähigkeit, uns die Welt des Islam zu erklären. Er wird Journalist durch Zufall, sein erster Artikel erscheint gleich auf der ersten Seite von „Le Monde“.

          Sonderkorrespondent in aller Welt

          Als Reisekorrespondent ist er viel in Afrika unterwegs, kurz steigt er in das Umfeld der Politik ein als Regierungssprecher des saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann. Die beginnende Entkolonialisierung Afrikas begleitet er als ARD-Hörfunk-Korrespondent mit Sitz in Leopoldville und Brazzaville, bevor er 1963 das ARD-Studio in Paris gründet. Aber Paris-Korrespondent zu sein reichte ihm nicht, so reiste er auch als Sonderkorrespondent für die ARD nach Vietnam und in den Nahen Osten, sobald es von dort zu berichten galt.

          In der kurzen Zeit als WDR-Fernsehdirektor 1969-71 stärkte er den journalistischen Sinn für Informationssendungen. Aber Reiseanträge der andern zu unterschreiben, daran hatte er wenig Freude. Und so ging er wieder als Sonderkorrespondent und Studioleiter nach Paris, diesmal für das ZDF.

          Als 1979 Ajatollah Chomeini in Neauphle-le-Château für drei Monate unterschlüpfte, da nahm er Kontakt auf, weil er ahnte, wohin dieser Mann Persien führen würde. So saß Scholl-Latour auch in der Maschine, die Chomeini nach Teheran brachte. Seitdem trug Scholl immer ein Foto mit sich, in dem er neben dem Ajatollah sitzt. Das war der beste Ausweis in islamischen Ländern.

          Peter Scholl-Latour 1964 in Paris: Ein Jahr zuvor hatte der Deutsch-Franzose das ZDF-Studio in der französischen Hauptstadt gegründet, er leitete es bis 1989. Bilderstrecke
          Zum Tode Peter Scholl-Latours : Mit Blick auf die Welt

          Er blieb bis 1983 in Paris. Da widerfuhr dem „Stern“ das Missgeschick mit Hitlers Tagebüchern. Gruner und Jahr brauchte also flugs einen neuen Kopf für das Magazin, einen Kopf, der die journalistische Katastrophe vergessen ließ. So kam Peter Scholl-Latour nach Hamburg. Aber er blieb nur ganz kurz. Wöchentlich ein Magazin zu stemmen, das entsprach nicht seinem journalistischen Drang.

          Er reiste wieder für das ZDF, filmte in aller Welt Reportagen. Vor allem aber widmete er sich dem Schreiben von Büchern. Seinen größten Erfolg hatte er 1979 mit „Der Tod im Reisfeld“, in dem er die Grundzüge von 30 Jahren Krieg in Indochina analysierte. Das Buch erreichte eine Auflage von mehr als 1,3 Millionen Exemplaren. Dutzende von Büchern folgten.

          Scholl-Latour hatte in Deutschland inzwischen eine Sonderstellung als Publizist eingenommen, die manchem zu bedeutend erschien. Manch einer übte sich im „Scholl-bashing“. Dieses Neidverhalten gehört ja leider zu den Unarten im deutschen Journalismus. Besonders das Bild des Islam, das er vermittelte, brachte Scholl zunächst Kritik ein. Schon 1983 hatte er in dem Buch „Allah ist mit den Standhaften“ auch die strengen Seiten des Islam dargestellt. Er warnte vor dem politischen Einfluss der Religionen, was einige Orientalisten und Journalisten in Deutschland zu dem Vorwurf veranlasste, er bausche ein Feindbild durch holzschnittartige Vereinfachungen auf.

          Ein Welterklärer

          Es mag ihn verletzt haben. Auf die Frage der „Süddeutschen Zeitung“ „Wie gehen Sie mit Kritik um?“ sagte er jedoch: „Mich lässt das kalt. Wo käme ich da hin.“ Spätestens nach den Attentaten vom 11. September 2001 konnte Scholl sich bestätigt fühlen. Und wenn Peter Scholl-Latour in den letzten Jahren durch seine vielen Bücher und Auftritte im Fernsehen zu dem wurde, was manche einen „Welterklärer“ nennen, dann lag es an seinem fundierten Wissen, das er in so einfache Worte kleidete.

          Manche Journalisten scheinen Angst vor einer Figur wie Scholl-Latour zu haben. Im „Spiegel“ stand 2006: „Er weiß zu viel . . . Scholl-Latour ist seit 56 Jahren überall. Und die ganzen Namen, Kriege, Rebellenkommandeure, Gipfel, Bündnisse und Sprachen, so scheint es, lassen sich immer weniger zu einer Richtung, einer Schlussfolgerung zusammenschnüren. Außer zu der vielleicht, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt.“

          Tabus kannte Scholl nicht. Er hat vor Ausbruch des Irak-Kriegs gleich erklärt, weshalb der scheitern wird. Recht hat er gehabt, obwohl das damals im emotionsgeladenen Umfeld keiner hören wollte. Weil er Tabus für Denkhemmungen hielt, scheute er sich auch nicht, den Irak-Krieg genau so zu kritisieren, wie er einst das amerikanische Vorgehen in Vietnam auseinandernahm. Und trotzdem war er kein Anti-Amerikaner.

          Großer Journalist, einfacher Privatmann

          Im September 2001 sagte er in der „Bild“-Zeitung, George W. Bush sei der dümmste Präsident, den die Vereinigten Staaten je hatten. Eine klare Aussage, wohlbegründet. Aber außer ihm traute sich in Deutschland niemand zu solch einer Beurteilung. Heute, wo wir das Chaos im Nahen Osten sehen, nicken alle bestätigend. Ja, recht hatte er. Recht hatte er, als er vorhersah, dass der Westen in Afghanistan scheitern werde.

          Mit Peter Scholl-Latour verliert der deutsche Journalismus ein besonderes Vorbild. Er lässt sich niemandem zurechnen und hing von niemandem ab. Seine Statur erwuchs aus seinem Werk, nicht aus einem Netzwerk, wie es heute leider gang und gäbe ist. Peter Scholl-Latour konnte seine Ansichten nicht nur mit genauer Kenntnis der Geschichte begründen, sondern er kannte auch die Politiker, Rebellenchefs, Diktatoren, Generäle und Stammesführer, die die politische Aktion beeinflussten. Er hatte sie auf seinen Reisen getroffen.

          Als wir uns vor einiger Zeit in Südfrankreich zum Abendessen trafen, wir wohnen dort in benachbarten Dörfern, klagte Scholl, ihm gingen die Gesprächspartner aus. Und voller Verachtung sprach er über die Tendenz im deutschen Journalismus, zu viel aus dem Archiv zu schreiben. Oder gar hämische Texte mit kritischem Journalismus zu verwechseln.

          Peter Scholl-Latour war ein großer Journalist, aber als Mensch ist er einfach geblieben. Seine liebe Frau Eva scherzte nur, sollte Peter beim abendlichen Mahl in seinem Haus in Südfrankreich nicht deutsche Fleischwurst auf dem Tisch vorfinden, schmecke ihm die Butterstulle nicht. So war er. Und auf seinen Reisen führte er stets die französische Saucisson sec mit. Nur nicht im Irak. Wegen Schweinefleischs in der Saucisson. Und zum Schneiden der harten Wurst benutzte er ein Opinel, das scharfe Klappmesser französischer Bauern.

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