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Zum Tod von Peter Scholl-Latour : Keinem gefällig, allen ein Lehrer

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Scholl-Latour hatte in Deutschland inzwischen eine Sonderstellung als Publizist eingenommen, die manchem zu bedeutend erschien. Manch einer übte sich im „Scholl-bashing“. Dieses Neidverhalten gehört ja leider zu den Unarten im deutschen Journalismus. Besonders das Bild des Islam, das er vermittelte, brachte Scholl zunächst Kritik ein. Schon 1983 hatte er in dem Buch „Allah ist mit den Standhaften“ auch die strengen Seiten des Islam dargestellt. Er warnte vor dem politischen Einfluss der Religionen, was einige Orientalisten und Journalisten in Deutschland zu dem Vorwurf veranlasste, er bausche ein Feindbild durch holzschnittartige Vereinfachungen auf.

Ein Welterklärer

Es mag ihn verletzt haben. Auf die Frage der „Süddeutschen Zeitung“ „Wie gehen Sie mit Kritik um?“ sagte er jedoch: „Mich lässt das kalt. Wo käme ich da hin.“ Spätestens nach den Attentaten vom 11. September 2001 konnte Scholl sich bestätigt fühlen. Und wenn Peter Scholl-Latour in den letzten Jahren durch seine vielen Bücher und Auftritte im Fernsehen zu dem wurde, was manche einen „Welterklärer“ nennen, dann lag es an seinem fundierten Wissen, das er in so einfache Worte kleidete.

Manche Journalisten scheinen Angst vor einer Figur wie Scholl-Latour zu haben. Im „Spiegel“ stand 2006: „Er weiß zu viel . . . Scholl-Latour ist seit 56 Jahren überall. Und die ganzen Namen, Kriege, Rebellenkommandeure, Gipfel, Bündnisse und Sprachen, so scheint es, lassen sich immer weniger zu einer Richtung, einer Schlussfolgerung zusammenschnüren. Außer zu der vielleicht, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt.“

Tabus kannte Scholl nicht. Er hat vor Ausbruch des Irak-Kriegs gleich erklärt, weshalb der scheitern wird. Recht hat er gehabt, obwohl das damals im emotionsgeladenen Umfeld keiner hören wollte. Weil er Tabus für Denkhemmungen hielt, scheute er sich auch nicht, den Irak-Krieg genau so zu kritisieren, wie er einst das amerikanische Vorgehen in Vietnam auseinandernahm. Und trotzdem war er kein Anti-Amerikaner.

Großer Journalist, einfacher Privatmann

Im September 2001 sagte er in der „Bild“-Zeitung, George W. Bush sei der dümmste Präsident, den die Vereinigten Staaten je hatten. Eine klare Aussage, wohlbegründet. Aber außer ihm traute sich in Deutschland niemand zu solch einer Beurteilung. Heute, wo wir das Chaos im Nahen Osten sehen, nicken alle bestätigend. Ja, recht hatte er. Recht hatte er, als er vorhersah, dass der Westen in Afghanistan scheitern werde.

Mit Peter Scholl-Latour verliert der deutsche Journalismus ein besonderes Vorbild. Er lässt sich niemandem zurechnen und hing von niemandem ab. Seine Statur erwuchs aus seinem Werk, nicht aus einem Netzwerk, wie es heute leider gang und gäbe ist. Peter Scholl-Latour konnte seine Ansichten nicht nur mit genauer Kenntnis der Geschichte begründen, sondern er kannte auch die Politiker, Rebellenchefs, Diktatoren, Generäle und Stammesführer, die die politische Aktion beeinflussten. Er hatte sie auf seinen Reisen getroffen.

Als wir uns vor einiger Zeit in Südfrankreich zum Abendessen trafen, wir wohnen dort in benachbarten Dörfern, klagte Scholl, ihm gingen die Gesprächspartner aus. Und voller Verachtung sprach er über die Tendenz im deutschen Journalismus, zu viel aus dem Archiv zu schreiben. Oder gar hämische Texte mit kritischem Journalismus zu verwechseln.

Peter Scholl-Latour war ein großer Journalist, aber als Mensch ist er einfach geblieben. Seine liebe Frau Eva scherzte nur, sollte Peter beim abendlichen Mahl in seinem Haus in Südfrankreich nicht deutsche Fleischwurst auf dem Tisch vorfinden, schmecke ihm die Butterstulle nicht. So war er. Und auf seinen Reisen führte er stets die französische Saucisson sec mit. Nur nicht im Irak. Wegen Schweinefleischs in der Saucisson. Und zum Schneiden der harten Wurst benutzte er ein Opinel, das scharfe Klappmesser französischer Bauern.

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