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Zum Tod von Peter Scholl-Latour : Keinem gefällig, allen ein Lehrer

  • -Aktualisiert am

Das journalistische Debüt auf der Titelseite von „Le Monde“

Der Krieg ist zu Ende, aber nicht das Abenteuer für Scholl, ein Mann mit zwei Nationalitäten und Pässen. Eine seiner Lieblingsgestalten aus der Sagenwelt war Odysseus. Doch der Listige wollte sich in Frauenkleidern vor dem Krieg drücken, was Scholl-Latour, ganz ein Mann wie Joseph Kessel, Kampfflieger im Ersten Weltkrieg, nie in den Sinn gekommen wäre. Als Franzose verdingt er sich bei den Fallschirmjägern und kämpft zwei Jahre für die Grande Nation im Indochina-Krieg. Da hat er auch mal Opium geraucht. Es hat ihn beruhigt. Aber er erlebte dabei keine erotischen Phantasien, wie er mir erzählte, deshalb gab es für ihn auch keinen Grund, weiterzurauchen.

Der Einsatz im Indochina-Krieg wird kein Zuckerschlecken gewesen sein. In dem Kriminalroman „Die Wüstenkönigin“ erwähne ich einen Colonel Roger Trinquier als Autor eines Handbuchs des Folterns. Dies ist ein grausames Buch, dessen darin geschilderten Methoden die französische Armee später im AlgerienKrieg anwandte, ein Buch, das an der Ecole militaire in Paris als Lehrmaterial diente und nach Südamerika und während des Vietnam-Kriegs in die Vereinigten Staaten weitergeleitet wurde. Scholl lachte laut, als er das las, und sagte mir: „Trinquier war als Oberleutnant mein Chef beim Fallschirmkommando im Indochina-Krieg.“

Nach dem Krieg hat Peter Scholl-Latour in Paris studiert, promoviert und dann zwei Jahre im Libanon die arabische Hochsprache erlernt. Hier liegt die Wurzel für seine spätere Fähigkeit, uns die Welt des Islam zu erklären. Er wird Journalist durch Zufall, sein erster Artikel erscheint gleich auf der ersten Seite von „Le Monde“.

Sonderkorrespondent in aller Welt

Als Reisekorrespondent ist er viel in Afrika unterwegs, kurz steigt er in das Umfeld der Politik ein als Regierungssprecher des saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann. Die beginnende Entkolonialisierung Afrikas begleitet er als ARD-Hörfunk-Korrespondent mit Sitz in Leopoldville und Brazzaville, bevor er 1963 das ARD-Studio in Paris gründet. Aber Paris-Korrespondent zu sein reichte ihm nicht, so reiste er auch als Sonderkorrespondent für die ARD nach Vietnam und in den Nahen Osten, sobald es von dort zu berichten galt.

In der kurzen Zeit als WDR-Fernsehdirektor 1969-71 stärkte er den journalistischen Sinn für Informationssendungen. Aber Reiseanträge der andern zu unterschreiben, daran hatte er wenig Freude. Und so ging er wieder als Sonderkorrespondent und Studioleiter nach Paris, diesmal für das ZDF.

Als 1979 Ajatollah Chomeini in Neauphle-le-Château für drei Monate unterschlüpfte, da nahm er Kontakt auf, weil er ahnte, wohin dieser Mann Persien führen würde. So saß Scholl-Latour auch in der Maschine, die Chomeini nach Teheran brachte. Seitdem trug Scholl immer ein Foto mit sich, in dem er neben dem Ajatollah sitzt. Das war der beste Ausweis in islamischen Ländern.

Peter Scholl-Latour 1964 in Paris: Ein Jahr zuvor hatte der Deutsch-Franzose das ZDF-Studio in der französischen Hauptstadt gegründet, er leitete es bis 1989. Bilderstrecke
Zum Tode Peter Scholl-Latours : Mit Blick auf die Welt

Er blieb bis 1983 in Paris. Da widerfuhr dem „Stern“ das Missgeschick mit Hitlers Tagebüchern. Gruner und Jahr brauchte also flugs einen neuen Kopf für das Magazin, einen Kopf, der die journalistische Katastrophe vergessen ließ. So kam Peter Scholl-Latour nach Hamburg. Aber er blieb nur ganz kurz. Wöchentlich ein Magazin zu stemmen, das entsprach nicht seinem journalistischen Drang.

Er reiste wieder für das ZDF, filmte in aller Welt Reportagen. Vor allem aber widmete er sich dem Schreiben von Büchern. Seinen größten Erfolg hatte er 1979 mit „Der Tod im Reisfeld“, in dem er die Grundzüge von 30 Jahren Krieg in Indochina analysierte. Das Buch erreichte eine Auflage von mehr als 1,3 Millionen Exemplaren. Dutzende von Büchern folgten.

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