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Zum Tod von Muhammad Ali : Der seine Gegner sanft schlug

Muhammad Ali (rechts) in einem Kampf gegen seinen Landsmann Joe Frazier, 1975 Bild: AP

Muhammad Alis Kämpfe waren noch beeindruckender als sein ganzes Gerede. Denn das Großmaul boxte einfach unfassbar viel schöner als alle anderen. Man war schon beim Zusehen überfordert – und hingerissen.

          Es gab die Mondlandung, und es gab Muhammad Ali. Das waren in den frühen Siebzigern die beiden einzigen Gründe dafür, als Kind spät fernsehen zu dürfen. So war das jedenfalls bei uns. Wir haben ihn schon dafür geliebt und noch mehr als den Mond. Was Ali angeht, so nannten ihn manche damals noch immer Cassius Clay und ein Großmaul, das allen Ernstes behaupte, der Größte zu sein. Trotzdem wollte man ihn und nicht seine Gegner gewinnen sehen. Selbst diejenigen wollten das, die das Gegenteil behaupteten. Denn Jerry Quarry, um nur den ersten zu nennen, dessen aussichtsloser Kampf gegen Ali uns eine halbe Nacht vor dem Fernseher bescherte, wäre als Sieger nicht ergiebig gewesen. Genau so wenig wie Bugner und Frazier und Norton und Foreman.

          Muhammad Ali war ergiebig. Er brachte Geschichten mit und setzte mit jedem Kampf seine Geschichte, die Geschichte fort. Es war die Geschichte seiner Kriegsdienstverweigerung – „Kein Vietcong nannte mich jemals Nigger“ –, seiner Verurteilung zu Gefängnis dafür, seiner Namensänderung. Mein Großvater hielt mir Vorträge über das antike Rom, um zu erklären, warum jemand in Kentucky „Cassius Marcellus“ getauft worden war. Vorträge über die „Nation of Islam“ gab es allerdings nicht.

          Die frühen Kämpfe Alis waren nur aus der Zeitung bekannt und Kindern gar nicht. Erst viel später erschloss uns David Remnicks fabelhaftes Buch „King of the World“ (Berlin Verlag, 2000) über Clay, Floyd Patterson und Sonny Liston die Vorgeschichte all der Geschichten, die Kämpfe vor den Kämpfen und dass es immer derselbe Kampf war: gegen den Rassismus, gegen die Mafia, gegen die Sportjournalisten – „Eat your words!“ –, die definieren wollten, was ein schwarzer Boxer zu sein habe. Wenn wir damals gewusst hätten, dass Clay den als unbesiegbar geltenden Liston schon nach 105 Sekunden der ersten Runde niedergestreckt hatte, um sich danach über ihn zu beugen und zu schreien, der Penner solle gefälligst wieder aufstehen, hätten wir begriffen, was er mit „der Größte“ meinte. Da wir es nicht wussten, blieb unsicher, ob der Größte nicht doch Bobby Fischer war. (Falls Fußballfans jetzt vielleicht mit Pelé kommen: Der Größte kann man nur in einer Einzelsportart sein und nur durch eine Einzelsportart werden.)

          Am 17. Januar 1942 wird Cassius Marcellus Clay in Louisville im Bundesstaat Kentucky als ältester von zwei Söhnen geboren. Mutter Odessa Lee Grady (hier mit ihrem Sohn 1974) ist Putzfrau und Köchin, Vater Cassius Marcellus Clay arbeitet als Schildermaler. Bilderstrecke

          Die Frage, was ein schwarzer Boxer zu sein hat, spielte selbst ziemlich weit weg von Kentucky eine Rolle. Die Kämpfe mit Joe Frazier, die nächsten und die wichtigsten, derentwegen wachgeblieben wurde – Oscar Bonavena wurde übersprungen oder nicht gesendet –, galten als Entscheidung über Tugenden. Oder besser: als Kampf zwischen Tugend und Untugend. „Onkel Tom“ hatte Ali seinen Gegner beleidigt. Aber der wirkliche Kampf lehrte, zwischen ihm und dem ganzen interessanten Gerede vorher und nachher zu unterscheiden. Das war das eigentliche Ereignis: wie das Drama die Redensarten verdrängte. Denn wenn es das Großmaul war, das so unfassbar viel schöner boxte, und wenn es gewann, nicht weil es das Großmaul war – David Remnick ist sich da aber mit guten Argumenten nicht so sicher –, sondern weil es schöner boxte, dann zum Teufel mit den moralischen Beschwerden über ihn.

          „Alles ist Stil“, wie es in Joyce Carol Oates' essayistischer Hymne „Über Boxen“ (Manesse Verlag, 2013) heißt. Ali schien das zu beweisen, indem er alles am Kampf wahrnahm und verarbeitete: das Vorher, das Nachher, den Gegner dazwischen, was der tat und was der vorhatte, und außerdem die Stimmungen im Publikum, die er währenddessen auch noch steuerte. Man hatte den Eindruck, die Gegner waren durch so viel Kausalitätskontrolle überfordert. Man selbst war es auch und hingerissen.

          Aber nicht Ali hatte den „Kampf des Jahrhunderts“ 1971 im Madison Square Garden gewonnen, sondern Frazier. Jan Phillip Reemtsma führt das in „Mehr als ein Champion“ (Hamburger Edition, 2013) darauf zurück, dass Ali sich erst von seiner eleganten Phase, von den Clownerien und den Überraschungen lösen musste, um gegen den ständig den Kopf nach unten vorstoßenden, alles einsteckenden, aber immer näher kommenden und nicht nur seine Rippen attackierenden Frazier zu behaupten. Sonny Liston und George Foreman waren Leute, die auf einen K.o. in den ersten Runden aus waren. Frazier hingegen machte es nichts aus, wenn der Gegner stehenblieb. Da war mit einem verblüffenden Einfall wie dem in Kinshasa 1974, sich in die Seile zu legen, Foreman – „Come on, George, show me something“ ruft er ihm zu – sich austoben zu lassen und jeweils am Rundenende den Erschöpften und Entnervten zu attackieren, nichts zu machen. Gegen Frazier halfen weder Stil noch Kenntnis des Gegners. „Gegen diese Maschine helfen dir keine Lügen“, hat man über ihn gesagt.

          Man weiß bis heute nicht genau, wie Ali 1975 in Manila gegen Frazier gewonnen hat. Es war ein Kampf, der gefühlt eine ganze Nacht lang dauerte. Noch im Ring nennt Ali Joe Frazier den größten Kämpfer aller Zeiten – „next to me“ – und sagt: „Ich möchte zurücktreten, das ist zu schmerzhaft, das ist zu viel Arbeit.“ Abermals hatte man einen anderen Ali gesehen, einen voller Ernst, voller Leidensfähigkeit und Bereitschaft, keinen Stil zu boxen und aus der Erschöpfung heraus zu gewinnen. Als er jung war, meinte Cassius Clay einmal, sein Stil werde ihn vor Verletzungen schützen, er schlage seine Gegner sanft. Die Nacht gegen Frazier hatte nichts Sanftes, Ali stand sie schutzlos durch, und wir dachten damals paradoxerweise gerade angesichts dieser puren Essenz des Boxens, ohne jede rhetorische Zutat, womöglich sei es doch keine so gute Sache. Danach kamen noch weitere Geschichten, aber nichts Vergleichbares mehr.

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