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Zum Tod von Mauricio Kagel : Der heilsame Provokateur

  • -Aktualisiert am

Mauricio Kagel, 1931 - 2008 Bild: dpa

Mauricio Kagel war ein produktiver, experimentierfreudiger, von der Tradition ausgehender, das heißt: von ihr sich wegbewegender Künstler - und in all dem vielleicht sogar der radikalste seiner Generation. Ein Nachruf auf den Komponisten, der im Alter von sechsundsiebzig Jahren gestorben ist.

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          In Amerika hätte man ihn einen Maverick genannt. Mauricio Kagel galt selbst den Individualisten der Neuen Musik noch als Eigenbrötler. Darin drückt sich freilich nichts anderes als Hochachtung gegenüber einem Komponisten aus, der immer die Gruppenbildungen, um nicht zu sagen: Grüppchenbildungen mied und - nicht nur darin dem genialen Gesamtkünstler John Cage oder dem ebenso ungewöhnlichen Pianisten und schöpferischen Essayisten Glenn Gould verwandt - mit jeder wirkungsvollen Skurrilität seine künstlerische Eigenständigkeit demonstrierte.

          Mauricio Kagel, der nun im Alter von sechsundsiebzig Jahren in Köln gestorben ist, war mit seinem künstlerischen Werk, das den kritischen Analytiker und sozialkritischen Autor einschließt, ein notorischer Ruhestörer. Das konnte nur jenen nicht recht sein, die finden, dass in Kunst und Gesellschaft alles gut ist, wie es ist, die alles beim Alten belassen, nicht weitergehen wollen. Mauricio Kagel jedoch belebte die Szenerie, nicht selten wiederbelebte er sie auch.

          Heilsame Provokationen

          Deutschland kann dankbar dafür sein, dass der 1931 in Buenos Aires geborene und dort musikalisch, philosophisch und literarisch ausgebildete Mauricio Kagel seit 1957 in Köln lebte und von dort aus seine Kunstaktionen und für uns alle heilsamen Provokationen vorantrieb. Natürlich konnte auch Kagel seiner Wahlheimat dankbar sein. Er hatte nicht ohne Grund seine Zelte in einem Zentrum der Avantgarde aufgeschlagen, er brauchte die Reibefläche mit der vitalen Kulturszene hierzulande. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass jedes Land die Künstler hat, die es verdient. Kagel in Köln: Das wäre dann ein Indiz für etwas, das uns nicht unangenehm sein müsste.

          Auch die Klassiker profitierten von Kagel. Beethoven vor allem. Im sogenannten Beethoven-Jahr 1970 montierte Kagel Kammermusik des Komponisten zur Collage „Ludwig van“, die manche Zeitgenossen als Sakrileg empfanden. Aber das Werk, von Kagel listig als „Beitrag von Beethoven zur Musik unserer Zeit“ gekennzeichnet, brachte dem Werk des Bonner Meisters und Wiener Klassikers mehr Respekt entgegen, als es in „geschäftsethischmusikgesellschaftlichen“ Zwängen der Interpretation möglich ist, bei denen - wie Kagel vermutete - der Hörer seine Aufmerksamkeit mehr auf anekdotisches Erkennen richtet, statt auf die musikalische Substanz des Kontextes.

          Vielleicht der radikalste Künstler seiner Generation

          Mauricio Kagel war von Beginn seiner musikalischen Tätigkeit an ein produktiver, experimentierfreudiger, unorthodoxer, engagierter, gründlicher, skeptischer, intellektueller, für alle und alles offener, visionärer, von der Tradition ausgehender, das heißt: von ihr sich wegbewegender Künstler - und in all dem vielleicht sogar der radikalste seiner Generation. Auf die Frage von Werner Klüppelholz, der vor ein paar Jahren ein Buch aus Dialogen und Monologen von Mauricio Kagel herausgegeben hat, ob er rückblickend eine Systematik in seiner kompositorischen Entwicklung sehe, meinte Kagel, er sehe eher eine „nichtlineare Unsystematik“.

          Davon sollte man sich nicht irritieren lassen. Es gibt einen Grundzug in Kagels Schaffen, den man allerdings nicht wie einen charakteristischen Grundklang aus den unterschiedlichsten Werken heraushören kann, den man schon eher herauslesen muss. Etwas, was Kagel selbst als komplexe Mischung bei dem Philosophen Kierkegaard stets so aufregend fand: die Bejahung der menschlichen Existenz und zugleich seine Verzweiflung darüber.

          Stattlicher Werkkatalog

          Das alles mag den Anschein erwecken, als gäbe es bei Kagel mehr Musik über Musik oder Gedanken zur Musik oder zur gesellschaftlichen Wirkung von Musik statt klangliche Realisationen. Weit gefehlt. Man findet in seinem stattlichen Werkkatalog viele vertraute Formbezeichnungen und musikalische Termini, Études etwa oder Duo, Impromptu oder Konzertstück, Musik für Tasteninstrumente und Orchester oder Capriccio, Trio oder Variationen. Auch eines findet sich darunter, das sich Divertimento nennt. Aber das Werk bekommt seinen Sinn erst durch die hinzugefügte Interpunktion: Divertimento? Das Fragezeichen lässt erst erkennen, dass es sich keinesfalls um ein Stück überkommener Unterhaltungsmusik handelt, um eine Art musikalischer Zerstreuung, vielmehr um eine Farce für Ensemble.

          Das Fragezeichen taucht sonst nur noch bei dem Werk „Vox humana?“ auf, aber man könnte es getrost hinter fast alle Kompositionen von Kagel setzen: „Staatstheater?“ Das kann doch bei ihm kein musikalischer Staatsakt sein! „Aus Deutschland?“ Das wird doch wohl kein patriotisches Machwerk sein! „Études?“ Das muss doch mehr sein als Übungen für musikalische Novizen! „Streichquartett?“ Ist das wirklich das Spiel von vier gleichberechtigten Streichern oder doch eher der Beginn des „instrumentalen Theaters“, bei dem es nicht nur darauf ankommt, was gespielt wird, sondern auch, wie die Spieler auftreten? Man tut gut daran, bei Kagel die Fragezeichen mitzudenken.

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