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Zum Tod von Margarete Mitscherlich : Der diskrete Charme der Psychoanalyse

Als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin kam Margarete Nielsen 1917 im Graasten (Dänemark) zur Welt Bild: dpa

Lieber groß geirrt als langweilig recht behalten: Margarete Mitscherlich, die große Psychologin der deutschen Nachkriegsseele, ist im Alter von 94 Jahren gestorben.

          Fünfundvierzig Jahre lang war Margarete Mitscherlich-Nielsen Bürgerin von Frankfurt. 1967, im Jahr ihres Zuzugs, publizierte sie gemeinsam mit ihrem Mann, Alexander Mitscherlich, den die aus dem dänischen Graasten stammende Tochter eines dänischen Landarztes und einer deutschen Schulrektorin 1947 kennengelernt und 1955 geheiratet hatte, das Buch, dessen Titel zum geflügelten Wort wurde: „Die Unfähigkeit zu trauern“. Darin beschrieben sie die Deutschen nach 1945 als ein Kollektiv, das, aus einer rauschhaften Führerverehrung erwachend, die Entwertung seines Selbstbildes nur durch Verleugnung des Geschehenen habe ertragen können. Der Untergang dessen, was soeben noch glühend verehrt worden war, konnte nicht betrauert werden. Die Opfer wollte man nicht betrauern. Eine auffällige Gefühlsstarre wurde an den Deutschen diagnostiziert, denen das Wirtschaftswunder gerade recht gekommen sei, um sich der Erinnerung zu entziehen.

          Das war eine damals zündende Mischung aus Völkerpsychologie, Zeitdiagnose und Historie, nicht zuletzt ein Haus- oder besser: Wohngemeinschaftsbuch im Familienstreit um 1968. Dabei stand Margarete Mitscherlich der Studentenrevolte durchaus zwiespältig gegenüber und fand in deren Bereitschaft, sich eine großen Sache hinzugeben, eine unbewusste Identifikation mit den angegriffenen Vätern. Für ungehobeltes Verhalten hatte sie außerdem wenig Verständnis. Merkwürdigerweise war es dann erst zwölf Jahre später eine amerikanische Fernsehserie, die zusammen mit historischen Kontroversen und Gedenktagen auslöste, was sich die Mitscherlichs an Erinnerung vermutlich vorgestellt hatten.

          Die Forschung hat an jener gewagten Deutung nicht viel Gutes gelassen. Aber die belebende Wirkung von Büchern beschränkt sich eben nicht auf ihre Richtigkeit, so wenig wie der Charme einer Person darauf gründet, dass sie verlässlich ist oder nur Dinge mitteilt, die zutreffen. Die Psychoanalyse selber verdankt ihr Auf und Ab in der Gunst des intellektuellen Publikums ja dem Umstand, etwas zu treffen und eine professionelle Praxis anleiten zu können, ohne wissenschaftlich erwiesen zu sein oder auch nur anzugeben, worin solch ein Nachweis bestünde. Margarete Mitscherlich, die einmal zu Protokoll gab, ihre Thesen stimmten „immer irgendwo auch“, verstand sie wohl mehr als Herausforderungen zur Diskussion, lieber gewagt als langweilig. Ihre folgenden Bücher handelten von der Psychologie des Hasses, dem „Ende der Vorbilder“ und von Frauen in der Politik. Währenddessen arbeite sie am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut und in ihrer psychoanalytischen Praxis.

          Mit Frechheit und Verstand

          Die Psychoanalyse hatte sie, die noch unter dem nationalsozialistischen Regime zuerst Geisteswissenschaften studiert und dann ihre Medizinausbildung in München und Heidelberg absolviert hatte, in Stuttgart, bei Vilma Popescu und Felix Schottlaender, in Heidelberg und in London, bei Michael Balint, gelernt. Sie gehörte zum Kreis derjenigen, die dieses Fach in Deutschland neu zu etablieren versuchten, war führendes Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung und Herausgeberin der Zeitschrift „Psyche“. Bis ins hohe Alter bezwang sie durch unakademische Redeweise, Frechheit und Verstand sowie den Unwillen, hinterm Berg zu halten, wenn ihr etwas auf die Nerven ging. Mag sie auch mitunter falsch gelegen haben, sie war unpompös und redete nie von den guten alten Zeiten.

          Dauernd, sagte sie unlängst, kämen jetzt in ihre Praxis Leute, die keine Lust mehr hätten, früher hätten alle ihre Triebe zu zähmen gewollt – da vermochte sie weder Rückschritt noch Fortschritt zu erkennen. Sie konnte sehr indiskret sein oder besser: vorlaut und es dann weglachen, und sie konnte sehr diskret sein, etwa in ihrer Autobiographie in Bezug auf ihren Mann. Am Dienstag ist Margarete Mitscherlich, kurz vor ihrem fünfundneunzigsten Geburtstag, in Frankfurt gestorben.

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