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Zum Tod von Margaret Thatcher : Die Reizfigur

  • -Aktualisiert am

Margaret Thatcher (1925 - 2013) Bild: AP

Man spottete über sie in Büchern, Theaterstücken und Filmen: Margaret Thatcher polarisierte Großbritannien wie sonst niemand. Mit ihr vergeht auch ein Feindbild.

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          In den letzten Tagen, in denen die Reform des britischen Sozialstaates eine hitzige Debatte entfacht hat, die wie seit langem nicht mehr demonstriert, dass die Weltanschauungen von links und rechts keineswegs der Vergangenheit angehören, geisterte wieder das Bild der „Milchräuberin“ Margaret Thatcher durch die Kolumnen englischer Zeitungen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als Bildungsministerin hatte die „Eiserne Lady“ Anfang der siebziger Jahre mit dem nüchtern-hausfraulichen Sinn, der ihre ganze Herangehensweise kennzeichnete, die kostenlose Milch in den Grundschulen gestrichen. Diese Subvention war ein Relikt aus der Knappheit der unmittelbaren Nachkriegsjahre, als die Unterernährung Kinder aus armen Familien für Krankheiten anfällig machte. Die Zeiten hatten sich aber zum Besseren gewandt, und die Ministerin Thatcher hielt es für sinnvoller, ihren Etat für Schulgebäude und -bücher zu verwenden.

          Aus dieser Zeit rührt jener tiefe Affekt gegen sie, der Margaret Thatcher begleitet hat wie keinen anderen britischen Nachkriegspolitiker. Der Schimpfruf „Milchräuberin“ ist haftengeblieben - Thatcher reimt sich ja auch im Englischen so schön auf „snatcher“ -, und in den Augen vieler gilt die ehemalige Premierministerin immer noch als die Politikerin, die die sozialen Errungenschaften der Nachkriegsordnung durch ihren marktwirtschaftlichen Modernisierungszug zerstört hat. Wenige Jahre bevor die Ministerin die Kindern ihrer Milch „beraubte“, hatte allerdings die Labour-Regierung ohne vergleichbaren Aufschrei die kostenlose Milch in den Sekundarschulen gestrichen.

          Margaret Thatcher als übergroßes Feindbild

          In ihrer polarisierenden Wirkung stand Margaret Thatcher eben niemandem nach. Sie war gewiss keine Diplomatin, und es war wohl nicht zuletzt ihre Kombination aus schriller Oberlehrerinnenart und geistiger Enge, die die Emotionen gegen sie derart hochkochen ließen, dass der Regisseur Jonathan Miller wohl für viele Intellektuelle sprach, als er Ende der achtziger Jahre ihre „hassenswerte, spießerhafte Vornehmtuerei und den sentimentalen Sacharin-Patriotismus“ verurteilte, „der die schlimmsten Seiten der Pendler-Idiotie“ befriedige. Auf die Frage, was ihn an der damaligen Premierministerin so störe, gab Miller, ein ausgebildeter Arzt, die ungeheuerliche Antwort, es verhalte sich bei ihr wie mit dem Typhuserreger, für den doch wohl auch ein Großteil der Menschheit keine Sympathie hege.

          Margaret Thatcher (1925-2013) Bilderstrecke

          Bis heute teilt das linksintellektuelle britische Establishment diese Einschätzung, auch wenn nicht jeder es so giftig formulieren würde. Mitunter schien es sogar, als habe Margaret Thatcher es geschafft, mehr Missgunst auf sich zu ziehen als Hitler oder Stalin. Bei einer internationalen Schriftstellertagung 1988, als die Sowjetunion durch Gorbatschows Reformen im Umbruch war, aber noch keiner wusste, wohin Perestroika und Glasnost führen würden, war auffallend, wie besessen die britischen Autoren, darunter Salman Rushdie und Martin Amis, von der Vorstellung waren, unter dem Joch einer Thatcher-Tyrannei zu stehen.

          Es wirkte, als fehlte ihnen vor lauter Nabelschau der Blick für die großen Zusammenhänge. Während dort anwesende osteuropäische Schriftsteller wie Joseph Brodsky, György Konrád, Czeslaw Milosz, Péter Esterházy oder Tatjana Tolstoya, die tatsächliche Erfahrungen mit Diktaturen gemacht hatten, leidenschaftlich über die Ereignisse im Ostblock diskutierten und stritten, saßen ihre britischen Kollegen auf dem Podium und erzählten von den Miseren des Lebens unter dem Thatcher-Regime.

          Ihre Dämonisierung ist nun Vergangenheit

          Mit Kultur hatte Margaret Thatcher, die mit Hohn und Spott überschüttet worden ist, als sie bekannt hatte, einen Roman von Frederick Forsyth wiederzulesen, wenig im Sinn. Sie machte auch keinen Hehl aus ihrer Geringschätzung des alten intellektuellen Establishments, das gewohnt war, in Gremien und Forschungsgruppen berufen zu werden, um Berichte zu erstellen, die die Übel der Gesellschaft beseitigen sollten. In ihren Augen vertraten diese akademischen Gutdenker ebenso wie die bequeme englische Oberschicht, die durch ihre Halbmondbrillen auf die kleinbürgerliche Krämertochter herabblickte, festgefahrene Gesinnungen, die vor dem Zeitgeist und den Gewerkschaften kapitulierten und Großbritannien ruinierten.

          Margaret Thatcher, 13.10.1925 - 8.4.2013

          Indem sie die Machtzentren dieser wortmächtigen Kreise angriff, die Universitäten aufrüttelte, die Kultursubventionen in Frage stellte und sich wie mit einer Dampfwalze daranmachte, ihre marktwirtschaftliche Vorstellungen in allen Bereichen durchzusetzen, entfachte sie ressentimentgeladene Energien, die in der Literatur, im Film und auf der Bühne Niederschlag fanden. Die Liste der Dramen, Fernsehserien und Romane, in denen die kriegerische, hurrapatriotische Margaret Thatcher dämonisiert wurde, ist ellenlang.

          Dazu gehört auch das Theaterstück „Der Tod Margaret Thatchers“, in dem sich der Dramatiker Tom Green 2008 vorstellte, wie vier Figuren auf dieses Ereignis reagieren würden. Green ließ einen Bergarbeiter schwören, sich zu Fuß aus dem Norden Englands auf den Weg zu machen, um auf ihr Grab zu spucken. Diese Einstellung machten sich auch Briten abseits der Bühne zu eigen, die ankündigten, Feste feiern zu wollen, wenn Margaret Thatcher stürbe. Nun, da der Tod dieser in ihrer Gebrechlichkeit beinahe tragisch gewordenen Figur tatsächlich eingetreten ist, herrscht das Bewusstsein vor, dass eine überragende Größe der britischen Geschichte dahingeschieden ist. Selbst Moderatoren der BBC, mit der Margaret Thatcher oft auf Kriegsfuß stand, trugen Trauer.

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