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Zum Tod von Lauren Bacall : Ihr Geheimnis hat niemand lüften können

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Unnahbar, undurchschaubar, fesselnd: Lauren Bacall, als sie die Personifikation des Film noir war. Bild: Getty Images

Seit ihrer ersten Großaufnahme 1944 war ihr das Publikum verfallen. Doch auch in den letzten Jahren glänzte Lauren Bacall in wichtigen Filmen.

          Im Jahr 1954 zog sich Jane Russell mit Anstand aus der Affäre, als ihrem dunklen Vamp-Nimbus von Marilyn Monroes Kindweib-Fluidum in „Blondinen bevorzugt“ die Show gestohlen wurde. Und Betty Grable, eben noch Amerikas beliebtestes Pin-up-Girl, rackerte sich wenig später während der Dreharbeiten von „Wie angelt man sich einen Millionär?“ merklich ab, um neben der Sirene Monroe überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Doch Lauren Bacall als dritte Millionärsanglerin in diesem Film hielt stand. Mehr noch: Ihr gelang es, dass die Blicke sich ihr zuwandten, wenn die Monroe und sie gemeinsam auf der Leinwand agierten.

          Dafür brauchte Lauren Bacall nicht jenen Dreifachspiegel, mit dem der Regisseur dieses Films, Jean Negulesco, der Monroe in einem der berühmtesten Film-Stills des zwanzigsten Jahrhunderts huldigte. Bacall genügten ihre elektrisierend rauchige, dunkle Stimme, ihr beunruhigend verschleierter Blick und ihre rätselhafte Gelassenheit. Monroe sprudelte Pointen, Grable plapperte Witziges, Bacall schwieg oder steuerte kurze Kommentare bei – und fesselte damit jeden.

          Rätselhafte Erscheinung zwischen Gut und Böse

          Nicht nur mit diesem Part an der Seite des Sex-Idols hatte die Schauspielerin viel riskiert. Ein ebenso großes Wagnis war es für sie, in einer Komödie aufzutreten. Schließlich schätzte die Welt Lauren Bacall als Rätselschönheit, als Chimäre zwischen Gut und Böse, die mit Bruchteilen von Burschikosität ihre weibliche Magie noch erhöhte.

          „Ich liebe es noch immer zu arbeiten“: Lauren Bacall im Jahr 2009.

          Zwei Filme, beide Klassiker der Filmgeschichte, haben sie so dem Gedächtnis von Millionen eingeprägt: Mit neunzehn Jahren (und schon großer Erfahrung als Theaterschauspielerin) hatte sie 1944, unter der Regie ihres Entdeckers Howard Hawks, neben Humphrey Bogart in „Haben und Nichthaben“ ihr Filmdebüt. Doch was für ein Debüt! Mit der ersten Großaufnahme, in der sie als undurchsichtige Abenteurerin Bogart, der einen mürrischen Hemingway-Seemann gibt, um Feuer bittet, war ihr jeder verfallen.

          Im Jahr 1946, ein Jahr nach ihrer Heirat mit Bogart, stieg sie, wieder mit ihm, dank „Tote schlafen fest“ zur weiblichen Personifikation des Film noir auf. Das Paar erschien noch gemeinsam in Delmer Daves’ „Die schwarze Natter“ (1947) und John Hustons „Gangster in Key Largo“ (1948) auf der Leinwand. Um Bogarts und beider Kinder willen beschränkte Lauren Bacall sich anschließend auf wenige Filme; Kirk Douglas, Gary Cooper, Rock Hudson waren dabei ihre Partner.

          Bis zu seinem Tod im Jahr 1957 waren Lauren Bacall und Humphrey Bogart ein Paar.

          1957 starb Humphrey Bogart. Die Schauspielerin war fortan für die Öffentlichkeit die unantastbare Witwe eines Heros. Wohl auch deshalb ging sie nach drei unwichtigen Filmen 1959 zurück an den Broadway. Sie, die in der Bronx geborene und in Brooklyn aufgewachsene Tochter eines Polen und einer jüdischen Rumänin (ihr Cousin ist der ehemalige israelische Staatspräsident Schimon Peres), spielte, was ihr dort an guten Rollen geboten wurde.

          Das Ende der goldenen Ära Hollywoods

          Einer ihrer größten Bühnenerfolge war die Titelrolle in Abe Burrows’ „Cactus Flower“; für die Filmversion überließ sie diese Rolle Ingrid Bergman, der sie 1974 bei den Dreharbeiten für „Mord im Orient-Express“ begegnete. Bergman heimste damals einen Oscar für die beste Nebenrolle ein, Lauren Bacall dagegen, obwohl von Jugend an immer wieder als Favoritin gehandelt, erhielt – sonderbar – lediglich einmal, und zwar 1997 für die mit dem Golden Globe ausgezeichnete Nebenrolle in Barbra Streisands „Liebe hat zwei Gesichter“, eine offizielle Oscar-Nominierung – und 2009 als Kompensation den Oscar für ihr Lebenswerk.

          Umso häufiger aber ehrte man ihre Bühnenleistungen. Zweimal wurde ihr der Tony Award als bester Hauptdarstellerin zugesprochen, zweimal für Arbeiten, mit denen sie das landläufige Vorurteil von der künstlerischen Bedeutungslosigkeit des Musicals widerlegte: 1970 brillierte sie in „Applause“ nach Bette Davis’ legendärem Film „All about Eve“, 1981 in „Woman of the Year“, der Musical-Version des gleichnamigen Hepburn-Films.

          Dem Mythos Bacall, aber auch ihrem überragenden schauspielerischen Können wurde filmisch erst wieder Lars van Trier gerecht. In „Dogville“ (2003) und „Manderley“ (2005) nutzte er ihr ungebrochenes Flair abgründiger Gelassenheit. Robert Altman hatte Bacall in „Prêt-à-Porter“ (1994) als spöttischer Hollywood-Schönheit gehuldigt, van Trier brachte ihr vom Alter wie gemeißeltes, schönes undurchdringliches Gesicht zum Leuchten.

          Es ist aber ein Gemälde, das ihrem Geheimnis am nächsten kommt, indem es ihr das Geheime lässt: 1939, im Jahr, als der Theaterkritiker George Jean Nathan sie die „hübscheste Platzanweiserin Manhattans“ nannte, malte Edward Hopper sein Bild „New York Movie“. Es zeigt den Blick in ein halbdunkles Kino. Rechts steht, selbstvergessen an die Wand gelehnt, eine junge Platzanweiserin in einem mattgelben Lichtkegel: blonde lange Haare, eine seidig dunkelblaue Uniform.

          Hoppers Frau Jo soll Modell gestanden haben für diese unnahbare, magisch anziehende Göttin des Kinos. Wir wissen es besser: Das kann nur Lauren Bacall sein. Vier Wochen vor ihrem neunzigsten Geburtstag ist sie nun gestorben. Die goldene Zeit Hollywoods ist damit endgültig Vergangenheit.

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