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Zum Tode von Peter Thomas : Seine Musik holte das Beste aus dünnen Drehbüchern

Der Komponist Peter Thomas im Jahr 2008 in Köln Bild: dpa

Der deutsche Komponist Peter Thomas war dafür bekannt, seiner Zeit immer ein wenig voraus zu sein und mit seiner Musik ganze Filme vor sich selbst zu retten. Ein Nachruf.

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          Wenn man Peter Thomas zu der Musik befragte, mit der er berühmt geworden war, zeigte er sich erstaunt. Es war für ihn eine Auftragsarbeit wie unzählige andere: die Filmmusik zu der Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ aus dem Jahr 1966. Er komponierte sie in einer knappen Woche, drei Tage dauerten dann die Aufnahmen im Studio mit zehn Musikern. Für ihn war es nichts Besonderes. Für das Deutschland der sechziger Jahre schon. Die Serie wurde zum Kult – und seine Titelmelodie gleich mit: Zwei Minuten, die in den folgenden Jahrzehnten gecovert, remixt, gesampelt, geklaut, verkürzt und als Klingelton digitalisiert wurden.

          Anke Schipp
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Peter Thomas war kein „Nachhinten-Gucker“, wie er selbst im Interview in seinem Haus in St. Tropez erzählte. Die Vergangenheit interessierte ihn nicht besonders. Er blickte ungeduldig nach vorne – und für sein Umfeld war es nicht leicht, mit ihm Schritt zu halten. Wenn er sprach, war das manchmal so, als würde jemand die Tonspur schneller drehen, zehn Wörter pro Sekunde. Er sprudelte nur so vor Ideen. Und wenn er auf seiner Terrasse in seinem Haus in St. Tropez mit Blick auf die Cote d'Azur stand, dann war er nicht der Typ, der mit dem Champagnerglas in den Sonnenuntergang blickte, sondern einer, der über das nächste Projekt reden wollte.

          Die Klassik war ihm zu festgefahren

          Und davon gab es viele. Für gut 100 Spielfilme und 550 Fernsehfilme hat Thomas die Musik komponiert, darunter alle Edgar-Wallace- und Jerry-Cotton-Filme. Er prägte den Stil der Krimireihen der fünfziger und sechziger Jahre, die nicht wie heute mit minimalistischen Tönen am Klavier, sondern temporeich und jazzig untermalt wurden. Seine Musik holte das beste heraus aus Drehbüchern, deren Handlung mitunter dünn war. „Mach was!“, bat ihn einst der Produzent Horst Wendlandt, als die Rohfassung des Wallace-Films „Der unheimliche Mönch“ nicht spannend genug war. Thomas brachte mit vier Posaunen, zwei Orgeln und a-Moll Dynamik rein. Eine gute Filmszene könne man auch mit einer Triangel begleiten, sagte er, aber schlechte Szenen verlangten nach einer musikalischen Idee.

          Thomas, 1925 in Breslau geboren und in Berlin aufgewachsen, hatte eine klassische Musikausbildung als Dirigent durchlaufen, aber die Klassik war ihm wohl zu festgefahren. In den Berliner Clubs der Alliierten trat er als Pianist auf und lernte, wie man Emotionen erzeugt und Zuschauer bei Laune hält. Die Russen, erzählte er, wollten es gefühlvoll, die Amerikaner schnell. Seine Lust am Experimentieren behielt er auch als Filmkomponist bei. Er ließ Noten rückwärts spielen, verwob Beatmusik mit Märschen und verfremdete für den gesprochenen Countdown zur „Raumpatrouille Orion“ seine eigene Stimme. Die Produzenten der Serie fanden die Musik „etwas strange“, wohl weil sie ihrer Zeit voraus war. Das lag auch an dem „Thowiephon“ – einem Synthesizer mit zwölf Generatoren, den der Komponist mit einem Ingenieur entwickelt hatte und der heute im Deutschen Museum steht.

          Thomas nannte sich selbst „Dr. Unermüdlich“ und so sehr er aus einer vergangenen Ära des deutschen Films stammte, so groß war stets sein Drang, mit der Moderne mitzuhalten. Er experimentierte bis ins hohe Alter mit jungen Musikern und DJs aus aller Welt. Sie hatten ihn in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckt und pilgerten zu seinen Wohnorten in St. Tropez oder Lugano, mit der Bitte, dass er ihre Musik „verthomanisiere“. Es war die Zeit des „Easy-Listening“ mit elektronischer Musik, für die Melodien aus der Vergangenheit am Computer gesampelt wurden. Dazu gehörte auch die Musik aus der „Raumpatrouille“, die unter anderem die englische Brit-Pop-Band „Pulp“ 1998 für ihr Album „This is Hardcore“ verwendete.

          Aber so sehr ihn die Arbeit mit den jungen Musikern freute, so kritisch war er auch. Wer etwas von ihm wollte, musste Noten lesen können und diszipliniert sein, da blieb Thomas auch im Ausland ganz der Preuße. Als er einmal an einem Projekt mit drei italienischen DJs arbeitete, gab es zunächst Missverständnisse. „Wenn ich gesagt habe, wir fangen um neun Uhr im Studio an, dachten die, ich meine abends um neun.“ Aber es dauerte nicht lange und die Italiener standen morgens auf der Matte.

          Die letzten Jahre lebte Thomas, der bis zur ihrem Tod 2017 mit der Schauspielerin und späteren Journalistin Cordula Thomas verheiratet war, in Lugano. Von dort schrieb er weiter seine berühmten E-Mails – Collagen aus Lautmalereien und Wortspielen, Wechselbäder aus Groß- und Kleinschreibung, garniert mit Ausrufezeichen, und einem Crescendo zum Abschied, das aus mindestens zwei Postskripten bestand. Sie waren wie seine Musik, experimentelle Kompositionen, die dazu gedacht waren, den Empfänger bei Laune zu halten. Peter Thomas ist, wie erst heute bekannt wurde, am Sonntag im Alter von 94 Jahren in Lugano gestorben.

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