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Zum Tod von Klaus Michael Grüber : Wen aber das Ungeheure ergreift

  • -Aktualisiert am

Dieses Genie der Demut setzte nicht in Szene, es setzte in Welten: Zum Tod des großen Theaterregisseurs Klaus Michael Grüber, der seiner Zeit voraus war, weil ihm die Zeit egal war.

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          In einem der raren Interviews, die der vollkommen unöffentliche, fast panisch scheue, sich am liebsten hinter seinen großen Schauspielern wie Bruno Ganz, Angela Winkler oder Bernhard Minetti verbergende Theaterwunderkünstler gab – und er gab es nicht einem Journalisten, sondern einem Dramaturgen, der daraus dann auch ein schönes Buch machte –, bekannte er, dass sein Traum vom Theater „wahrhaftig die Ergriffenheit“ sei. Und dass man im Theater Tränen vergießen müsse. Und dies in absoluter Hingabe. „Tränen“, „Ergriffenheit“, „Hingabe“: Es sind ja die unmöglichsten, lächerlichsten, unzeitgemäßesten Begriffe, die auch überhaupt keinen Platz haben in dem, was man „Diskurs“ nennt – und oft nichts anderes meint als das, wonach man sich gefälligst kollektiv zu richten hat, wenn man individuell mitreden möchte. Es gab in diesem Sinne keinen diskursferneren Regisseur als ihn.

          Wenn Klaus Michael Grüber von „Tränen“, „Ergriffenheit“, „Hingabe“ sprach, dann nicht im Sinne von Gefühligkeit. Sondern im Sinne eines tief gehenden Erschreckens. Der junge Mann, der bei Siegfried Melchinger in Stuttgart Dramentheorie studierte und schon als Dreiundzwanzigjähriger bei Giorgio Strehler 1964 die Theaterpraxis lernte, ging von Anfang an den Weg, den seine Regiegenerationskollegen – die Steins, Peymanns, Zadeks, Flimms et al. – sozusagen rechts liegen ließen. Diese gingen auf Stücke zu, griffen sie an, machten sie sich untertan, teilten szenisch mit, was sie von ihnen hielten, erstellten Fassungen und einen Strich, gegen den sie etliches bürsten konnten. Oder mit dem sie wie Zadek ihre wilden Phantasie-Späße trieben.

          Die Schöpferschrecksekunde

          Grüber war der einzige, der in Stücke hineinging, sich in ihnen verlor, sie begriff als fremde, sperrige, unerforschbare Welt, in die hinein man aufbrechen müsse wie in ein tolles Abenteuer. Wenn die Reise begann, war es für ihn immer so, als müsse er eine Art Entsetzen überwinden: die Schrecksekunde des Schöpfers vor der Schöpfung. Als brenne ihm die Welt, noch bevor er sie auf seiner Bühne erfinden durfte, so sehr in Händen, dass er sie lieber gleich weglegen möchte. Dieses Ticken der Schöpferschrecksekunde durchzitterte jede seiner Theaterarbeiten.

          So erschrak Klaus Michael Grüber, der im schwäbischen Unterland am Neckar geborene Sohn aus protestantischem Hause, als alle Welt und die Berliner Schaubühne des Peter Stein noch an die bessere Ordnung der Welt mittels Vernunft glaubten, vor der Gewalt dessen, was man zu Beginn der siebziger Jahre längst vergessen hatte: der Kraft des Mythos. Und ließ in den „Bakchen“ des Euripides den Gott Dionysos, der eine rational geordnete Welt in Raserei und Untergang treibt, aus den Bodenbrettern herauskriechen und unter die Menschen fahren, bis diese sich im Blutrausch entfremdeter benahmen als in jedem marxistisch zu durchschauenden ökonomischen Zwangsverhältnis.

          Eine ganze verbrannte Welt

          Seinen Geistesbruder Hölderlin schickte er 1977 im eiskalten Berliner Olympiastadion auf eine „Winterreise“, bei der die Schauspieler über Hürden hinweg der Schönheit, der Einsamkeit, der klirrenden Verlorenheit der Oden und Hymnen hinterher liefen, als erfriere Hölderlins Griechenland an einem bundersrepublikanischen Temperaturpunkt, den Grüber damals noch als einen ungeheuren begriff, der wenig später aber als kitschig opportunes Intellektuellen-Gebarme um eine „Eiszeit“ Mode wurde. Weil ihm die Zeit egal war, war Grüber seiner Zeit oft voraus.

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