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Zum Tod von Helm Stierlin : Das Erfolgsgeheimnis war sein Führungsstil

  • -Aktualisiert am

Helm Stierlin Bild: KES

In der Familientherapie hat er einen Wechsel von der Psychoanalyse zur Systemtheorie in Gang gesetzt: Helm Stierlin ist tot.

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          Mit Helm Stierlin verlor die deutschsprachige Psychiatrie und Psychotherapie eine ihrer profiliertesten Persönlichkeiten. Unter den Personen, die seit den siebziger Jahren weltweit die Methoden der Familientherapie und der systemischen Therapie verbreiteten, gehörte er zu den einflussreichsten. Das von ihm 1974 begründete „Institut für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie“ der Universität Heidelberg wurde zu einem der maßgebenden Zentren Europas. Diese Wirkung beruhte zum einen auf Stierlins Publikationen, die auch für Laien verständlich waren, zum anderen wurde von seinem Institut durch die Organisation großer internationaler Kongresse im deutschsprachigen Feld unter Psychotherapeuten ein Paradigmawechsel von der Psychoanalyse zur Systemtheorie in Gang gesetzt.

          All dies hat mit Stierlins Persönlichkeit und seinem Werdegang zu tun. Nach kurzer Zeit als Flakhelfer begann er nach dem Krieg das Doppelstudium der Medizin und Philosophie. Sein philosophischer Lehrer war Karl Jaspers. Stierlin absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung, arbeitete in der Schweiz und für mehr als siebzehn Jahre in den Vereinigten Staaten. Dort war er am „National Institute of Mental Health“ in der Schizophrenieforschung tätig und kam in engen Kontakt mit der Familienforschung.

          Als er nach Heidelberg berufen wurde, war er infiziert vom amerikanischem Pragmatismus, ohne sein Interesse an existenziellen philosophischen Fragen zu verlieren und hatte bereits international wissenschaftliche Reputation erworben.

          Was kümmern mich Drittmittel?

          Dass er dann mit seinem Institut solch eine breite Wirkung erzielte, ist dennoch erstaunlich. Denn es widerspricht der Logik heutiger universitärer Karrieren in Deutschland. Das akademische Personal seines Instituts bestand lediglich aus Stierlin selbst, einem Oberarzt und einem Assistenten, und er war nicht einmal Ordinarius, sondern Leiter einer kleinen Abteilung der Psychosomatischen Klinik. Um Drittmittel kümmerte er sich prinzipiell nicht. Dennoch wurde viel geforscht und international publiziert.

          Stierlin war eher schüchtern, zeigte keinerlei Besserwisserei, wenn er seine Konzepte vertrat, war aber auch nie defensiv und versuchte nicht, sich einem Mainstream anzupassen. Er gab sich nicht damit zufrieden, etabliertes Wissen anzuwenden und weiterzugeben, sondern er wollte Neuland erkunden. Dabei war er beides: demütig und unbescheiden, ehrgeizig und unprätentiös. Er achtete, wenn jemand neue Ideen oder Methoden vorstellte, nicht auf den Status des Betreffenden, sondern auf die Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit des Gesagten; es war die Sachdimension, in der ihn Neues faszinierte. Und er hatte keine Scheu, sich gegen Orthodoxien zu wenden, wenn sie ihm unsinnig erschienen.

          Diesen Eigensinn konnte er sich leisten, weil nicht nur alle international anerkannten Forscher in seinem Institut ein- und ausgingen, sondern auch seine fachliche Kompetenz nie zur Debatte stand. Er wurde immer auch von denen, die nicht seiner Meinung waren, respektiert. All das ermöglichte es ihm, ungefährdet Unorthodoxes zu tun.

          Hierarchiefreie Kommunikation

          Ein weiteres Erfolgsgeheimnis war sein Führungsstil. Er stellte nur Menschen ein, die etwas konnten, was er nicht konnte (etwa Kongresse organisieren). Dabei sorgte er für eine große Variationsbreite in seinem Team; alle, die dann zusammenarbeiten mussten beziehungsweise durften, hätten sich gegenseitig niemals ausgesucht. Aber in der Kooperation gelang es Stierlin, deren Unterschiede fruchtbar werden zu lassen, weil hierarchiefrei kommuniziert wurde. Seine Wertschätzung für die Mitarbeiter war „gnadenlos“, das heißt er hat nie (!) ein Wort der Kritik an ihnen geübt – allerdings gelegentlich unglücklich geguckt, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich gewünscht hätte. Das Ergebnis war, dass in der Arbeit als Team jeder alle Ideen und Erkenntnisse, die er zu haben meinte, ungefiltert in die Kommunikation bringen konnte und in der Summe mehr herausnahm, als er hineingegeben hatte. Es entstand ein extrem kreativer „Team-Spirit“. So gehörte Stierlin selbstverständlich auch zu den Mit-Gesellschaftern des Carl-Auer-Verlags, den seine Mitarbeiter 1989 gründeten.

          Helm Stierlins schriftstellerische Aktivitäten betrafen nicht nur Fachfragen, sondern er schrieb auch über Nietzsche, Hölderlin, Hitler und, scheinbar aus dem Rahmen fallend, das Libretto für ein Ballett von Johann Kresnik. Diese Breite des Interesses und seine Offenheit machten Stierlin zu einem Vorbild für jüngere Kollegen, die sich nicht in ein enges biologisch-psychiatrisches oder Hinter-Couch-Rollenbild fügen wollten. Sein Tod ist zweifellos ein großer Verlust für die gesamte Psychotherapie und Psychiatrie. Wie erst jetzt bekannt wurde ist Helm Stierlin am 9. September im Alter von 95 Jahren gestorben.

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