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Zum Tod von Heinz Ludwig Arnold : Die schönste Manufaktur der Literaturwelt

Heinz Ludwig Arnold hat seine Memoiren nicht vollenden können Bild: dpa

Förderer, Vermittler, Durchsetzer: Der Publizist Heinz Ludwig Arnold war einer der produktivsten dieses Landes. Nun ist er im Alter von einundsiebzig Jahren gestorben.

          Heinz Ludwig Arnold hat sich sein Leben lang nur mit einer einzigen Sache beschäftigt. Aber niemand, der ihn auch nur ein wenig kannte, wäre auf die Idee verfallen, dass dieser pausenlos lesende, unermüdlich tätige, ungeheuer produktive Wortmensch über seiner Leidenschaft für die Literatur das Leben versäumt oder gar vergessen haben könnte. Lutz, wie ihn die Freunde nannten, hat nie die Bücher mit ihren Schöpfern verwechselt, aber er hat wie nur wenige in dem Bewusstsein gelebt, dass Literatur von Menschen und für Menschen gemacht wird. Und Menschen, die auf die eine oder andere Weise mit Literatur zu tun hatten, waren für Heinz Ludwig Arnold immer: mögliche Freunde.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass freundschaftliche Bande, zumal im Literaturbetrieb, Belastungen ausgesetzt sein können, denen sie nicht immer gewachsen sind, hat er mit dem ihm eigenen Realitätssinn akzeptiert. Aber noch im Groll, mit dem er manchmal über zu Bruch gegangene Freundschaften reden konnte, waren der Verlustschmerz zu spüren, der Kummer über das Zerwürfnis und manchmal auch Ratlosigkeit angesichts eines Risses, der sich nicht wieder kitten lassen wollte. Arnold war ein Enthusiast, aber kein Schwärmer. Ein Macher, aber nicht betriebsblind. Ein Förderer, Vermittler und Ermöglicher, auch ein Durchsetzer, der mit scheinbar unendlichen Energiereserven ausgestattet war, wenn es darum ging, einer Sache, der er sich verschrieben hatte, zum Erfolg zu verhelfen.

          Sein publizistisches Wirken begann schon während des Studiums

          Dass die Sache immer eine literarische war, versteht sich von selbst. Was Heinz Ludwig Arnold unter Erfolg verstand, ist schon weniger leicht zu sagen. Hohe Auflagen konnten zwar den Kaufmann beeindrucken, der er als selbständiger Unternehmer auch zu sein hatte, aber der Kritiker und Essayist legte andere Maßstäbe an. Der Unternehmer indes musste ökonomisch denken, um jenes Gut zu schützen, das Arnold vielleicht das höchste war: die eigene Unabhängigkeit, die er als Voraussetzung seiner Existenz wie seiner Arbeit als Kritiker und Literaturwissenschaftler nicht entbehren konnte.
          In dem halben Jahrhundert, in dem Heinz Ludwig Arnold die deutsche Literatur begleitet hat, seit 1965 auch als Mitarbeiter dieser Zeitung, haben sich seine Kriterien und Ansichten naturgemäß verändert.

          Unwandelbar hingegen blieb seine Überzeugung, dass literarische Werke ihre Bedeutung erst in der Auseinandersetzung gewinnen, im kritischen Diskurs, dem er unermüdlich das Feld bereitete, vor allem mit der Publikationsreihe „Text und Kritik“, die er 1963 als Student ins Leben rief. Seitdem sind zweihundert Bände erschienen, die überwiegende Anzahl davon einem einzelnen Autor gewidmet und angetrieben von dem Willen, den Schriftstellern eine Bühne zu bieten, ein Forum, auf dem sie kenntnisreich gewürdigt werden, sich aber auch der kritischen Analyse stellen müssen.

          Der „Secretarius“ von Ernst Jünger

          Was Heinz Ludwig Arnold im Lauf von fünf Jahrzehnten publiziert hat, als Autor wie als Herausgeber, ist gewaltig. Das „Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ erscheint als viermal im Jahr erweiterte Loseblattsammlung seit 1978 und wurde 1983 um ein Pendant zur fremdsprachigen Literatur ergänzt. Seine Anthologie zur deutschen Literatur seit 1945 umfasst elf Bände. Oder nehmen wir das Jahr 1990, als mit „Querfahrt mit Dürrenmatt“, dem „Versuch über Ernst Jünger“, den zweibändigen „Schriftstellergesprächen“, einer Anthologie zur DDR-Literatur und dem „Handbuch zur deutschen Hocherotik“ gleich fünf Publikationen Arnolds erschienen.

          Seit 1978 für viele ein unentbehrliches Nachschlagewerk: das KLG, eine von vielen Arnoldschen Unternehmungen

          Die Literaturbetriebsfäden, die in seiner Göttinger Manufaktur zusammenliefen oder dort ihren Ausgang nahmen, sind nicht nur ihrer Anzahl nach unüberschaubar, sie konnten auch eine erstaunliche Länge entfalten: Fünf Jahre lang umspannten sie sogar die ganze Welt, in jener Zeit nämlich, in der er als Herausgeber zusammen mit 75 Fachberatern die Neuausgabe von Kindlers Literaturlexikon vorantrieb. Achtzehn Bände, fünfzehntausend Seiten und etwa zwanzigtausend behandelte Werke, davon fast die Hälfte neu verfasst – ein solches Mammutprojekt wäre in solch kurzer Zeit ohne die Mitarbeit seiner Frau Christiane Freudenstein-Arnold nicht möglich gewesen.

          Seine ersten Literaturkritiken veröffentlichte er noch als Schüler in Karlsruhe, wo der Vater als Bundesanwalt tätig war. Mit neunzehn, das Abitur ist gerade bestanden und Arnold leistet seinen Wehrdienst am Militärflughafen Manching, schreibt er Ernst Jünger einen Brief und fährt im August 1960 per Anhalter zum Vorstellungsgespräch ins schwäbische Wilflingen. Arnold wird als „Secretarius“ angestellt, der für die umfangreiche Korrespondenz zuständig ist, im Hause wohnt und sich als Begleitung für die obligatorischen Spaziergänge Jüngers zur Verfügung halten muss. Die Sache geht nicht lange gut, aber es muss eine prägende Erfahrung gewesen sein, die bis zuletzt nachwirkte. In diesem Jahr erschien „Ein abenteuerliches Herz“, Arnolds persönliches Jünger-Lesebuch, und im nächsten Frühjahr wird der Wallstein Verlag, mit dessen Verleger Thedel von Wallmoden ihn eine enge Freundschaft verband, Arnolds „Wilflinger Erinnerungen“ herausbringen. Sie waren wohl als Teil seiner Memoiren gedacht, die zu schreiben ihm die Krankheit keine Zeit mehr ließ. Noch am Vorabend seines Todes hat er mit seinem Verleger am „Wilflinger“-Manuskript gearbeitet. Jetzt ist Heinz Ludwig Arnold im Alter von 71 Jahren in Göttingen gestorben. Im literarischen Leben Deutschlands gibt es keinen zweiten wie ihn.

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