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Zum Tod von Hans Küng : Der Entschärfer der Weltreligionen

Hans Küng (19. März 1928 - 6. April 2021) Bild: dpa

Nach dem Entzug des Lehramts rang er um die humane Substanz des Christentums: Zum Tod des Theologen Hans Küng.

          4 Min.

          In dem Maße, wie Hans Küng als „Kirchenkritiker“ internationale Kontur gewann, sah er sich auch immer wieder der Frage ausgesetzt, was er denn überhaupt „noch glaube“. Bereits zwei Jahre vor dem spektakulären Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis im Dezember 1979 hatte die Deutsche Bischofskonferenz die „theologische Methode“ des Tübinger Dogmatik-Professors kritisiert.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Küng stelle mit einer idiosynkratischen Auswahl von Bibelstellen und losgelöst von kirchlicher Glaubensüberlieferung unter anderem die Christologie und die Sakramentenlehre unzureichend dar. Da hatte der am 19.März 1928 im schweizerischen Sursee Geborene schon Bestseller wie „Christ sein“, „Unfehlbar? Eine Anfrage“ oder „Die Kirche“ publiziert, Bücher, mit denen er gelehrt und sprachgewandt dem Bedürfnis nach Existentialisierung von dogmatisch gefasster Religion entgegenkam, nach Enttraditionalisierung der spirituellen Substanz.

          Verhältnismäßig spät, erst im Jahre 2009 mit der Schrift „Was ich glaube“, legte Küng sein persönliches Credo ausführlicher dar, nachdem er die kirchenamtliche Agenda weitgehend abgeräumt und damit Reformanliegen vorweggenommen hatte, wie sie heute vergleichsweise unbeachtet vom Synodalen Weg verhandelt werden. Der Streit um päpstliche Unfehlbarkeit und Jungfrauengeburt mobilisieren heute keine Kulturkämpfe mehr.

          Glauben, so Küng in der genannten Schrift, „interpretiere ich nicht kirchlich verengt oder intellektualistisch verkopft“. Vielmehr gehe es ihm um eine „ganzheitliche Weltsicht“, in welcher das Leben selbst zum Gegenstand gläubiger Zuwendung werde, um ein Grundvertrauen ins Dasein nach Erik Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung, auf das sich der Theologe explizit beruft.

          Existentialistische Aufmischung

          Indem Küng sein Gottvertrauen rückblickend als „Lebensvertrauen“ ausbuchstabiert, düpierte er die kirchliche Autorität schon, bevor er beim Zweiten Vatikanischen Konzil als „Peritus“, als theologischer Anwalt, auftrat, und sicherte, von heute her gesehen, zugleich die Kohärenz seiner Biographie. Hier war Küng in seinem Element, hier traf Küng den Nerv seines Publikums: in der existentialistischen Aufmischung von begrifflichen Festlegungen und dogmatischen Vorgaben. Der Streit um „Wahrheit“ entfällt, wenn Glaube, wie Küng es beschreibt, als „eine von persönlicher Erfahrung getragene, seriös informierende Besinnung zum sinnvollen Lebensbezug“ aufgefasst und als persönliche „geistige Lebensgrundlage“ subjektiviert wird im Unterschied zu einem Fürwahrhalten von überlieferten Lehren. Ein solcher Glaube betrachtet sich nicht als rechtfertigungsbedürftig vor einer hierarchischen Autorität – und programmiert so die Entfremdung und in Küngs Fall die Entzweiung von gläubiger Existenz und Folgsamkeit einforderndem Lehramt.

          Nach dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis blieb Küng in Tübingen Professor für Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung. 1980 erschien eine umfangreiche Dokumentation zum „Fall Küng“, herausgegeben von seinen Tübinger Mitstreitern Herbert Haag und Norbert Greinacher. In deren Schlusswort heißt es, Küngs Maßregelung durch Rom und die deutsche Bischofskonferenz betreffend: „Wer diese Dokumentation von Anfang bis Ende unvoreingenommen studiert, wird um die Feststellung nicht herumkommen: Hans Küng ist durch seine Kirche Unrecht geschehen. Die kirchenrechtlichen Bestimmungen wurden auf flagrante Weise verletzt. Das Vorgehen spricht den Prinzipien der christlichen Brüderlichkeit Hohn. Die von Küng vorgetragenen theologischen Sachfragen wurden entweder nicht erkannt oder besserwisserisch beantwortet.“

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