https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tod-von-gerd-schulte-hillen-und-der-fusion-von-rtl-und-gruner-17473794.html

Gruner + Jahr : Es war ein Verlagshaus

Das Verlagshaus von Gruner + Jahr am Baumwall in Hamburg. Bild: dpa

Der Verlag Gruner + Jahr war Europas bedeutendstes Magazinhaus. Der langjährige Chef Gerd Schulte-Hillen ist gerade im Alter von achtzig Jahren verstorben. Und Gruner + Jahr wird zur Filiale von RTL.

          2 Min.

          Am Mittwoch ist Gerd Schulte-Hillen gestorben. Er wurde achtzig Jahre alt. Schulte-Hillen war einer der bedeutendsten Verlagsmanager der Republik. Mit seinem Namen verbindet sich eine historische Peinlichkeit, die von Hybris sondergleichen zeugte, und ein gigantischer wirtschaftlicher Erfolg. 1981 trat Schulte-Hillen beim Verlag Gruner + Jahr als Vorstandschef an, er blieb es bis 2000. In diesen knapp zwanzig Jahren machte er den Verlag zu einem europäischen Marktführer mit großen Magazinmarken wie „Stern“, „Capital“, „Brigitte“ oder „Geo“. Als es dem „Stern“ besonders gut ging, glaubte man dort im Jahr 1983, Hitlers Tagebücher gefunden zu haben. Diese entpuppten sich im Nu als Fälschung. Die Chefredaktion musste nach einer filmreifen und in der Tat verfilmten Groteske (Helmut Dietls „Schtonk!“, 1992) gehen, Schulte-Hillen blieb. Er hatte seine besten Jahre als Manager noch vor sich, als treibende Kraft, stellvertretender Vorstandschef und dann Aufsichtsrat im Bertelsmann-Konzern.

          Das blieb er, bis dort mit der Demission des Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff im Jahr 2003 eine Zeitenwende kam. Seither hat die Familie Mohn im Konzern wieder das Sagen. Die Zeit der selbstbewussten Manager, die wie Gründer und Verleger und unfehlbare Chefs auftraten, war vorbei.

          Vorbei ist es nun auch mit Gruner + Jahr, dem stolzen Verlag, 1965 gegründet von Richard Gruner, John Jahr und Gerd Bucerius. Denn auch wenn die Konzernmutter Bertelsmann, die 2014 alle Anteile an Gruner + Jahr aufkaufte, den am Freitag offizielle verkündeten Zusammenschluss seiner Tochterunternehmen Mediengruppe RTL und Gruner + Jahr als Fusion verkauft, ist es in Wahrheit etwas anderes: eine Übernahme. Gruner + Jahr wird zum Lieferdienst, zur Textwerkstatt eines Multimediakonzerns, in dem RTL das Tempo vorgibt.

          Verstarb am Mittwoch im Alter von achtzig Jahren: Gerd Schulte-Hillen.
          Verstarb am Mittwoch im Alter von achtzig Jahren: Gerd Schulte-Hillen. : Bild: dpa

          Daran ändert auch nichts, dass der jetzige Gruner + Jahr-Verlagschef Stephan Schäfer, der bei RTL Chef für Inhalte ist, als Favorit für die offene Führung des fusionierten Unternehmens gilt. Aus unternehmerischer Sicht hat das seine Logik. Bertelsmann will im internationalen Wettbewerb gegen die Plattform-Giganten bestehen und mutiert selbst zur Netz-Plattform, auf der es alles gibt, was zum Konzern gehört: Fernsehen, Radio, Bücher, Presse. Das machen andere auch, in Deutschland vor allem der Springer-Konzern. Und dass es nicht schaden kann, sich multimedial zu betätigen, zeigen allein schon die „Talks“ der Zeitschrift Brigitte. So viel Aufmerksamkeit wie die Brigitte-Gespräche mit den Kanzlerkandidaten in den letzten Tagen hatte diese journalistische Marke schon lange nicht mehr.

          Als Magazin- und Zeitungshaus ist Gruner + Jahr groß und mächtig geworden, geriet aber noch zu Schulte-Hillens Zeiten Anfang der Zweitausenderjahre mit dem Zeitungsgeschäft ins Schlingern. Die Gruner + Jahr-Chefin Julia Jäkel krempelte den Verlag im vergangenen Jahrzehnt um, musste die Financial Times Deutschland dichtmachen, die sie selbst mitgegründet hatte, legte neue Titel auf, wickelte andere ab und setzte vor allem aufs Digitale. Dass sie Gruner + Jahr und Bertelsmann am 1. April dieses Jahres verließ, durfte man als Menetekel ansehen, auch wenn man ihr glaubt, dass sie nach zehn Jahren an der Unternehmensspitze aus freien persönlichen Stücken ging und einfach etwas anderes machen wollte. Das Kapitel, das nun für Gruner + Jahr beginnt, hat mit der Zeit Julia Jäkels wenig und mit der Ära von Gerd Schulte-Hillen nichts mehr zu tun.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Weitere Themen

          Im Lambo zur Suppe

          „Guglhupfgeschwader“ im Kino : Im Lambo zur Suppe

          Was halt so passiert, wenn sich ein Lottoladenbesitzer vom Land zu weit in bestimmte Bereiche des anders organisierten Glücksspiels vorwagt: Dorfpolizist Franz Eberhofer steuert nach acht Filmen in „Guglhupfgeschwader“ auf ein Dienstjubiläum zu.

          Wo Tradition noch Zukunft hat

          Handeln mit Alten Meistern : Wo Tradition noch Zukunft hat

          Das Geschäft mit Alten Meistern ist schwieriger geworden. Doch an der Themse blickt ein neu eingetroffener Händler ebenso optimistisch nach vorne, wie es die großen Auktionshäuser nach ihren jüngsten Topversteigerungen tun können.

          Topmeldungen

          Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bei einem Pressetermin in Berlin im Juni 2022

          Lauterbach will Empfehlung : Eine Impfung geht noch, oder nicht?

          Der Gesundheitsminister hält eine vierte Impfung für alle für sinnvoll, Fachleute hingegen nicht. Und mit der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es auch noch Ärger wegen der Bürgertests.

          Lage des Krieges : Russland rekrutiert immer mehr Freiwilligen-Bataillone

          Der Krieg in der Ukraine tritt in eine neue Phase. Die schwersten Gefechte könnten sich in den Südwesten verlagern. In Russland werden immer mehr Freiwilligen-Bataillone rekrutiert. Der Verlauf des Krieges in Karten und Grafiken.
          Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz Ende Juli in Warschau

          „Cancel Culture“ : Friedrich Merz ist kein Zensor

          Der CDU-Vorsitzende schimpft gerne über „Cancel Culture“, sagt aber eine Veranstaltung ab, wenn unliebsame Leute eingeladen werden. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht.
          Anthony Modeste soll zu Borussia Dortmund wechseln.

          Neuer Stürmer für BVB : Dortmund und der Plan mit Modeste

          Aufregung um neue Schlagzeilen überschatten den BVB-Auftaktsieg schnell. Es geht um Vorwürfe gegen Nico Schulz. Und dann ist da noch die Stürmersuche. Dort steht Dortmund dicht vor einem Abschluss.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.