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Zum Tod von Etta James : Die Schwermütige

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Etta James (1938 - 2012) Bild: REUTERS

Im Schatten Aretha Franklins: Die Soulsängerin Etta James ist im Alter von dreiundsiebzig Jahren gestorben.

          Etta James wuchs in eine Epoche hinein, die der Unterhaltungsmusik mit der Verschmelzung ganz gegensätzlicher Gemütszustände neue Dimensionen erschloss. Das Profane und Heilige, Fleisch und Geist fanden ihren Ausdruck in einem Stil namens Soul, einem Ableger des Rhythm&Blues als des Oberbegriffs der schwarzen Gettomusik. Zu seinen Vätern zählt er viele, zu seinen Müttern ungleich weniger; neben Ruth Brown eigentlich nur noch Etta James. Sie hatte 1955 einen Einstand nach Maß, indem sie mit „The Wallflower“ (und dem Refrain „Roll with Me, Henry“) eine schlüpfrige Antwort gab auf das Lied des schwarzen Country-Stars Hank Ballard, „Work with Me, Annie“. In einer Zeit, in der Ray Charles angefeindet wurde, weil er Blues und Spiritual nicht mehr auseinanderhielt, erforderte das Mut.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Es war bei Etta James wohl auch der Mut der Verzweiflung. 1938 in Los Angeles als Jamesetta Hawkins von einer Vierzehnjährigen geboren und vaterlos aufgewachsen, absolvierte sie, nach der obligatorischen Gospelschulung, noch minderjährig eine Straßensängerkarriere, die ihr die letzten Illusionen geraubt haben dürfte, wenn sie überhaupt je welche hatte. Bald wurde der einflussreiche Bandleader Johnny Otis auf sie aufmerksam, der ihr Debüt lancierte. Das ehrwürdige Blueslabel Chess Records wollte sie dann als Gegenspielerin zu Aretha Franklin aufbauen, aber es konnte eben doch nur eine „Queen of Soul“ geben. Trotz ihrer unerhörten, gelegentlich mit Billie Holiday verglichenen Stimme, die sinnliche Schwermut verströmte, ohne allzu erdig zu klingen, wirkte Etta James über die immer noch gültigen Gettogrenzen hinaus kaum in Popgefilde hinein, obwohl sie in den sechziger Jahren eine der interessantesten Alternativen zum damals tonangebenden Motown-Soul war.

          Die Söhne als Kollegen

          Lieder wie „At Last“, „Tell Mama“, „All I Could Do Was Cry“, „Sunday Kind of Love“ und „Something’s Got a Hold on Me“ hatten dieses stiltypische, unauflösliche Amalgam aus Lust und Leid, mit dem sie eine der ausdrucksstärksten und eigenständigsten Interpretinnen wurde. Dem männlichen Blueslager bot sie mit dem Jimmy-Reed-Klassiker „Baby, What You Want Me to Do“ selbstbewusst die Stirn; und zu welcher Inbrunst sie fähig war, zeigte sie mit dem inzwischen zu Tode gesungenen „Oh Happy Day“. Am stärksten aber prägte sich, auch dem Popgedächtnis, ihre Version von „I’d Rather Go Blind“ (1968) ein, ein R&B-Standard und eine wahre Schmerzensballade von Ellington Jordan und Billy Foster, die dann nur noch von Rod Stewart übertroffen wurde.

          Heroinsüchtig trudelte Etta James in die siebziger Jahre, in denen Funk und Disco viele alternde Helden ohnehin ins Hintertreffen geraten ließen. Nach dem Entzug, der ihr mit äußerster Mühe gelang, fachte sie bei gelegentlichen Gastspielen, unter anderem beim Jazzfestival von Montreux und im Vorprogramm der Rolling Stones, sowie auf ihren immer selteneren Platteneinspielungen die alte Glut durchaus wieder an. Herausragend aus dieser Afterglow-Phase bleibt die vom Atlantic-Mogul Jerry Wexler für Warner produzierte Platte „Deep In The Night“ (1978), mit der sie sich, obwohl auch damit größerer Erfolg ausblieb, rein musikalisch gegen die neuen Stile behaupten konnte. Und irgendwann spielten ihre beiden Söhne in ihrer Combo mit. So wuchs Etta James, die immer wieder für so routinierte wie faszinierende Live-Auftritte gut war, hinein in die Rolle einer Veteranin. Am Freitag ist sie, wenige Tage nach ihrem ersten Mentor Johnny Otis und wenige Tage vor ihrem vierundsiebzigsten Geburtstag, in Riverside, Kalifornien, gestorben - ein ziemlicher Aderlass für den klassischen Rhythm & Blues.

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