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Zum Tod von Dimiter Gotscheff : Die Magie der Leere

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Dimiter „Mitko“ Gotscheff (1943-2013) Bild: Marcus Lieberenz / bildbuehne.de

Der Regisseur Dimiter Gotscheff gehörte zu den Großen der deutschsprachigen Theaterszene. Seine Interpretation von Heiner Müllers „Philoktet“ machte ihn auch international berühmt. Ein Nachruf.

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          Mag sein, dass sich selbst Taxifahrer, die in Berlin einiges gewöhnt sind, über diesen Zausel von Passagier wunderten, der die langen grauen Haarsträhnen tief ins Gesicht gekämmt hatte und einen Stoffbeutel mit sich trug, in dem Flaschen klirrten. Der mit kräftigem slawischen Akzent sprach und von ausgesucht charmanter Höflichkeit sein konnte. Der sich müde wie ein alter Wolf bewegte, während aus seinen hellwachen Augen reinste Freude und sinnlichste Klugheit funkelten.

          Der Regisseur Dimiter Gotscheff schien immer ein wenig entrückt zu sein, wenn man ihn so auf dem Weg zu einer Probe etwa im Deutschen Theater sah. Zu Hause war er zwar auf vielen Bühnen zwischen Wien und Hamburg, aber wirklich daheim nur bei den großen Dichtern und Denkern, als deren Übervater er Heiner Müller geradezu vergötterte. Diese Lebensbegegnung, die sein gesamtes OEuvre bestimmte, fand bereits 1964 statt.

          Der alter Wolf geht in den Westen

          Zwei Jahre zuvor war der 1943 in Bulgarien geborene Gotscheff mit seinem Vater, einem Tierarzt, in die DDR umgesiedelt. Auf dessen Wunsch begann er an der Humboldt-Universität Veterinärmedizin zu studieren. Bald indes wechselte er zur Theaterwissenschaft über, wurde Assistent von Benno Besson und Fritz Marquardt. Als ganz voneinander fern schätzte er diese Berufe in einem Interview 2005 nicht ein: „Ich habe doch dauernd mit den schönsten aller Tiere zu tun - den Schauspielern.“

          Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns trieb Gotscheff der eisige Parteiwind, der die Künstler in der DDR klein und still machen sollte, nach Bulgarien zurück. Seine Interpretation von Heiner Müllers „Philoktet“ in Sofia erregte 1983 internationales Aufsehen, nachdem der begeisterte Autor darüber einen theatertheoretischen Essay veröffentlicht hatte. Von 1986 an arbeitete „Mitko“, wie ihn alle nannten, dann ausschließlich an westlichen Bühnen. Er wurde Hausregisseur in Düsseldorf, später in Bochum bei Leander Haußmann, war regelmäßig am Thalia Theater Hamburg engagiert, wo in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen zum Beispiel seine in Richtung grimmiger Fundamentalismus aktualisierte Fassung von Molières „Tartuffe“ herauskam - natürlich mit einigen hineinmontierten Textsplittern Heiner Müllers.

          Er liebte seine Schauspieler: Gotscheffs gefeierte Inszenierung von Peter Handkes „Immer noch Sturm“ bei den Salzburger Festspielen 2011
          Er liebte seine Schauspieler: Gotscheffs gefeierte Inszenierung von Peter Handkes „Immer noch Sturm“ bei den Salzburger Festspielen 2011 : Bild: dapd

          Obwohl seine Inszenierungen von der physischen Brillanz und polymorphen Beredsamkeit des Ensembles getragen wurden, galten sie, zumindest solange die Berliner Mauer noch stand und unter anderem die Kunstbetrachtung prägte, als düster, melancholisch und pessimistisch. Wie zahlreiche systemkritische Ost-Künstler suchte auch Gotscheff nach 1989 ein bisschen nach seiner Balance, denn die staatliche Norm, gegen die er sich stets quergestellt hatte, war diesseits und jenseits der vormaligen Zonengrenze eine neue geworden. Trotzdem blieb er seinem stringenten und wortgenauen, manchmal allerdings intellektuell arg verquälten Aufklärungstheater treu, das er seine Akteure in eine intensive Körpersprache übersetzen ließ. Dieter Prochnow bezeichnete ihn schon vor Jahren als den einzigen Regisseur, der seine Schauspieler liebe: „Er behandelt sie als absolut gleichberechtigt und gesteht seine Fehler und Ausweglosigkeiten ein.“

          Mit den durch die Globalisierung härter werdenden Zeiten erfuhren seine oft glasklar gezeichneten, pointiert ausgeleuchteten Aufführungen wieder erhöhte Aufmerksamkeit. Der Berliner Volksbühne bescherte der puristische Aufräumer, den Typen stärker als Individuen interessierten und Verhältnisse stärker als Verhalten, 2005 einen grandiosen „Iwanow“ aus Rauch, Licht und Liebe. Voll kühlster Sympathie scheuchte er Tschechows Figuren als allgemein unmenschliche Quatschköpfe aus ihrer depressiven Gemütlichkeit hinaus auf die Schlachtfelder heutiger Ökonomie, um sie so vom Kopf auf die Füße zu stellen. Wie er hier im spartanischen Bühnenbild von Katrin Brack zu einer überwältigenden Magie der Leere gelangte, glückte ihm dies auch am Deutschen Theater Berlin mit den „Persern“ des Aischylos in einem ähnlich minimalistischen Raumentwurf von Mark Lammert. Die schnörkellose Inszenierung mit Gotscheffs Herz-und-Hirn-Protagonisten Samuel Finzi und Wolfram Koch machte aus der dramatischen Kriegsanalyse ein lichtes Kinderspiel über Werden und Vergehen.

          So ging es Gotscheff um die Wahrheit als Wille und Wunschtraum jenseits von Ideologie, Kommerz, Metaphysik inmitten der Unaufrichtigkeiten einer kunstfern flachen, satten, ordentlich frisierten Umgebung. „Ich kenne mich nicht aus in der Geographie des Himmels“, heißt es in Müllers „Quartett“, das Gotscheff als seine erste West-Arbeit 1986 in Köln inszenierte. Jetzt ist er im Alter von 70 Jahren in Berlin gestorben.

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