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Zum Tod von Dieter Bartetzko : Wohnt ein Lied in allen Steinen

Dieter Bartetzko (1949 bis 2015) Bild: Edgar Lissel

Er war zuständig für Architektur und Archäologie, für Schlagersänger, Musicals und Kabarett. Er war ein leidenschaftlicher Journalist und ein großer Liebender. Zum Tod unseres Kollegen Dieter Bartetzko.

          5 Min.

          Es gibt Journalisten, die diesen Beruf nicht nur ausüben, sondern verkörpern. Dieter Bartetzko, der Architekturkritiker dieses Feuilletons, war solch ein Journalist. Er konnte einen stolz machen auf das, was in diesem Beruf möglich ist: menschlich, stilistisch, intellektuell. Er langweilte niemanden, mit keinem Wort, er trumpfte nie auf, er nahm sich verlorener Fälle an, er zog Geduld, Kenntnis und Ironie der Sensation vor, er schrieb für Leute, deren Herz und Intelligenz er voraussetzte, und er verachtete nur jene, die selbst mit der Verachtung angefangen hatten, in Form von angeberischen Bauwerken, unsinnigen Stadtplanungen und rücksichtslosen Stadtplanierungen. Wenn er zornig wurde, war in jeder Zeile klar, dass er es eigentlich nicht sein wollte und nur nicht umhinkam. Wenn er schwärmte, konnte keinem entgehen, dass er ein prekäres Glück festzuhalten suchte. Er war einzigartig in seiner Treue zum Vergehenden.

          War, denn Dieter Bartetzko ist an diesem Dienstag im Alter von sechsundsechzig Jahren gestorben, und dem Feuilleton dieser Zeitung ist, mit einer Formulierung aus seinem Nachruf auf den Jazzpianisten und Entertainer Paul Kuhn, zum Heulen. Bartetzko nämlich wurde nicht nur geachtet ob seiner Gradlinigkeit, geschätzt ob seines Urteils, bewundert ob seiner Kenntnisse auf voneinander entlegensten Gebieten – er wurde gemocht.

          Waldoff bis Sinatra

          Morgens war er, den man sich nicht als jemanden vorstellen konnte, der früh zu Bett ging, immer als Erster da. Ein Grund dafür lag vermutlich in seinem Pensum. Er war zuständig für: Architektur und Archäologie, für Urbanistik und Denkmalschutz, die alten Griechen und Caterina Valente, für Schlagersänger und Diseusen, für Musicals und Kabarett sowie Fernsehstars, und zeitweise übernahm er auch jeden dritten „Tatort“. Wer ihn ersetzen wollte, brauchte, noch bevor die ersten Zeilen geschrieben wären und die Grenzen dieses Wunsches erkennbar würden, mindestens vier Redakteure.

          Von 1994 an hat Dieter Bartetzko für dieses Feuilleton geschrieben. Zuvor war er 1983 mit einer Arbeit über die Kulissenhaftigkeit nationalsozialistischer Architektur promoviert worden, danach hatte er selbständig für Rundfunksender und Zeitungen gearbeitet. Und daneben stets gesungen und gespielt. Bartetzko trat seit seiner Studentenzeit in Frankfurt, Berlin und Marburg mit Chansons und Kleinkunst auf; die Gäste bei seinem letzten Geburtstagsfest wurden umgenutzt zum Publikum einer schier nicht enden wollenden Abfolge von Songs aus dem Spektrum „Claire Waldoff bis Frank Sinatra“, zu denen ihn Mitspieler aller Lebensphasen begleiteten.

          Schlagerstars, Hochhäuser und Kindheitserinnerungen

          Ein wiederkehrendes Motiv seiner eigenen Geburtstagsgrüße für Showgrößen war die Erwägung, was aus ihnen nicht noch alles hätte werden können. Er selbst hatte ein halbes Dutzend Biographien in sich, und Journalismus war für ihn nicht zuletzt die Möglichkeit, von keiner ganz zu lassen. „Weil Entertainer sich selbst spielen müssen, imitieren sie ein ideales Ich“, hat er einmal geschrieben. Das ideale Ich dieses so freundlich zurückhaltenden, diskreten Mannes, der zugleich eine Rampensau und einen Museumsdirektor in sich fühlte, war ein Rollenwechsler. Als seinen liebsten Romanhelden nannte er nicht zufällig Thomas Manns Joseph.

          Der Zusammenhang zwischen Architektur und Musik bestand für Bartetzko darum auch nicht darin, dass die eine, der Platitude zufolge, der gefrorene Zustand der anderen sei. Steingewordene Schlager – nichts hätte Bartetzkos Wunsch an die Baukunst ferner liegen können. Es war vielmehr seine analytische Nostalgie, die sich an beidem als etwas Hochvergänglichem entzündete. Wie vergänglich Bauten und Städte sind, das zu zeigen, empfand er als seine Aufgabe, nicht zuletzt, um der Gegenwart Nachdenklichkeit im Umgang mit ihnen anzuraten. Dieter Bartetzko schrieb Nachrufe nicht nur auf Schlagerstars, sondern auch auf Hochhäuser und auf Kindheitserinnerungen. Wie viele seiner Texte begannen nicht mit der Zeitangabe, nur wer die Fünfziger als Kind, die Sechziger als Jugendlicher, die Siebziger als junger Mann erlebt habe, wisse um das, was er jetzt erzählen, an was er jetzt erinnern wolle.

          Das Wort Neuigkeit setzt die Kenntnis des Nichtneuen voraus

          Was ihn darum aufbringen konnte, war Geschichte als Propaganda – und also das meiste an ihr. Wenn etwas aus Gedankenlosigkeit oder reinem Profitsinn abgerissen wurde, schmerzte es ihn. Wenn er an seine Stelle aber eine verlogene Romantik hingebaut sah, konnte sein Ton schneidend werden. Bartetzko hatte einen sicheren Blick für die schäbigen Aspekte der Schaufassaden und Malls, das billige Ornament, das weite Teile der Gegenwartsarchitektur beherrscht, das armselige Geprotze, das aus Plätzen „Plazas“ macht. Was ihn empörte, war die Scheinheiligkeit der angeblichen Erbe-Bewahrer, die Kulturstätten verfallen lassen und sich als Hüter der Tradition nur dort aufspielen, wo sie auf entsprechende Wirkungen rechnen können, aber zu Pompeji, Peking, Angkor Wat schweigen.

          Oder, um nicht allzu weit in die Ferne zu schweifen, die Halbherzigkeit in Frankfurt, seiner Heimatstadt, deren anhänglichster Feuilletonbürger er war. Alles, was von der alten Zeit überlebt hat, so fand er, werde hier als Störung begriffen, um sich munter Rekonstruktionen zu widmen. „Wo alles wiederholbar ist, ist nichts einzigartig, kann alles fallen“, war Bartetzkos Fazit des verlogenen Historismus, der trefflich mit der Geringschätzung von Ruinen einhergeht, die dem angemalten Fortschritt nur als Hindernisse im Weg stehen.

          „Neuigkeit“, das Wort, das am Anfang des Journalismus steht, ergab für Dieter Bartetzko nur dort einen Sinn, wo deutlich blieb, dass es die Kenntnis des Nichtneuen impliziert. Und also Erinnerung wie den Sinn für Evergreens. Wer die Beiträge nachliest, die Dieter Bartetzko mit beispiellosem Echo, nicht nur in der lesenden Stadtbürgerschaft, geschrieben hat, weiß, dass wir es auch hier mit, sollte das Wort für Journalisten erlaubt sein, einem Werk zu tun haben, das so schnell nicht vergehen wird. Es kommt nur nichts mehr hinzu. Das ist unfassbar traurig.

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          Sechs Artikel aus jüngster Zeit

          Die Liebe zu seiner Stadt, das Wissen um die politische Bedeutung der Planung neuer und der Erhaltung bestehender Bauwerke, seine Zuneigung zur Bühnenkunst machten Dieter Bartetzko aus. Eine kleine Auswahl aus seinem großen journalistischen Schaffen zeigt das.

          Blick in die Eingeweide eines Hightech-Zyklopen: Der Neubau der Europäischen Zentralbank
          Blick in die Eingeweide eines Hightech-Zyklopen: Der Neubau der Europäischen Zentralbank : Bild: Helmut Fricke

          Die Pläne zum Umbau der Frankfurter Altstadt lagen Dieter Bartetzko besonders am Herzen. Sein Mitte April veröffentlichter großer Bericht über ein neues Quartier auf uraltem Boden, das zum Glück deutlich heutige Zeichen setze, trug die Überschrift „Mut zum Traum“.

          Geboren am 30. September 1934 in Klagenfurt, gestorben am 21. Dezember 2014 in Münsterlingen: Udo Jürgens
          Geboren am 30. September 1934 in Klagenfurt, gestorben am 21. Dezember 2014 in Münsterlingen: Udo Jürgens : Bild: dpa

          Als angesichts der drohenden Tumulte wenige Tage vor Eröffnung des EZB-Neubaus im Frankfurter Ostend vergessen zu werden drohte, was das Gebäude für Architektur und Stadt bedeutet, bewunderte Dieter Bartetzko das von Coop Himmelb(l)au entworfene „Frankfurter Kristallriff“ Mitte März als imponierende Ausnahme angesichts der momentanen internationalen Gestaltungsstandards im Bankenbau: frei von Gefälligkeitsgesten, wohlfeilem Dekor und anbiedernden Traditionalismen.

          Im Würgegriff: Die Endstation als Guckkastenbühne zwischen Filmwänden, auf denen Stephanie Eidt als Blanche DuBois alle Blicke auf sich zieht.
          Im Würgegriff: Die Endstation als Guckkastenbühne zwischen Filmwänden, auf denen Stephanie Eidt als Blanche DuBois alle Blicke auf sich zieht. : Bild: Birgit Hupfeld

          Als Udo Jürgens wenige Tage vor Weihnachten gestorben war, schrieb Dieter Bartetzko einen seiner letzten Nachrufe für die Frankfurter Allgemeine. Er würdigte den Verstorbenen nicht nur als unvergleichlichen Sänger, Komponisten und Entertainer, sondern schilderte, wie Jürgens in den fünf Jahrzehnten seines Schaffens geradezu zur Personifikation der Bundesrepublik geworden ist. Die Chronologie seiner Hits lese sich wie das Protokoll des allmählichen Mentalitätswandels der Deutschen.

          Das bröckelnde Nazi-Relikt: Die Zeppelintribüne.
          Das bröckelnde Nazi-Relikt: Die Zeppelintribüne. : Bild: dpa

          Wahn, Wirklichkeit und die Wunder der Animation: Kay Voges inszenierte „Endstation Sehnsucht“ am Frankfurter Schauspielhaus als glutheiße und doch realitätsferne Gewaltparabel. In einer seiner Theaterkritiken beschrieb Dieter Bartetzko Anfang Dezember, wie der Regisseur vor dem Theater und seiner Besonderheit gekniffen hat.

          Topkapi à la Hollywood, geschaffen von rückwärtsgewandten Großmachtträumen: Erdogans „Weißer Palast“ in Ankara, umgeben von symmetrischem Ziergrün als Ersatz für ein vernichtetes Naturschutzgebiet.
          Topkapi à la Hollywood, geschaffen von rückwärtsgewandten Großmachtträumen: Erdogans „Weißer Palast“ in Ankara, umgeben von symmetrischem Ziergrün als Ersatz für ein vernichtetes Naturschutzgebiet. : Bild: dpa

          In Nürnberg verfällt die Zeppelintribüne des Reichsparteitagsgeländes. Anders als die einstigen Berliner Ministerien von Göring und Goebbels oder auch das ehemalige „Gauforum“ in Weimar zeige sie, analysierte Dieter Bartetzko Ende November in einem Kommentar zur Frage, wie Nürnberg mit dem architektonischen NS-Erbe umzugehen habe, eindringlich das kleinbürgerliche Protzen, aber auch die dekorative Raffinesse der nationalsozialistischen Diktatur.

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich einen Palast bauen lassen, der die sechsfache Größe des Weißen Hauses von Washington und die siebenundzwanzigfache des Élysée-Palasts in Paris aufweist. Erdogan verlangte eine bei aller Modernität traditionsbewusste Architektur, eine bildhafte Synthese aus der Geschichte und der Gegenwart der Türkei. In seiner architekturkritischen Betrachtung las Dieter Bartetzko Ende Oktober das Bauwerk als Sinnbild einer Rückkehr zum Osmanischen Reich.

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