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Zum Tod von David Bowie : Er löschte Feuer mit Benzin

  • -Aktualisiert am

David Bowie, bürgerlich David Robert Jones, 8. Januar 1947 bis 10. Januar 2016 Bild: Sony Music

Allein der Einfallsreichtum seiner ersten Jahre hätte für mehrere Musikerkarrieren gereicht. Immer wieder gelang es David Bowie, verstörende Ästhetik mit Eingängigkeit zu verbinden. Bis zuletzt.

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          Wenn man noch schockiert ist, stürzen die Erinnerungen wie Splitter nieder: Was kommt als erstes in den Sinn bei der überraschenden Nachricht, dass David Bowie gestorben ist? Wenn man vor wenigen Tagen erst sein neues Album gehört und auch die zugehörigen Musikvideos angeschaut hat, kommt zunächst eine ganz frische Erinnerung: nämlich der Auftritt in dem Video zu „Lazarus“, in dem Bowie sich in einem Bett wälzt und mit einem unheimlichen Kopfverband, auf dem an Stelle der Augen zwei Knöpfe aufgenäht sind, er wälzt sich wie in einem Albtraum und singt dann die erste Zeile: „Look up here, I’m in heaven“. Das Setting sieht eher wie die Hölle aus. Jetzt wirkt diese Szene plötzlich wie eine unheimliche Jenseitsbotschaft. Das muss er genauso geplant haben. Inszenierung bis zum Schluss, größte Vieldeutigkeit bis zum Schluss – ja, als Vermächtnis.

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          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Ein seltsamer Rahmen entsteht, blickt man zurück auf den Titel des ersten Songs, den der 1947 als David Jones in London Geborene aufnahm. Er stammt aus dem Jahr 1963 und heißt „I Never Dreamed“, die Aufnahme der Gruppe The Kon-Rads gilt heute als verloren. Geht man nach einem maßgeblichen Bowie-Buch des britischen Kritikers Peter Doggett, war ihr Sound noch  „ununterscheidbar von anderen Beat-Gruppen, die versuchten, den Erfolg der Beatles zu kopieren“.



          Zehn Jahre später waren die Beatles aufgelöst und David Bowie ein internationaler Pop-Star. Vom Singer/Songwriter, als der er noch auf dem schönen Album „Hunky Dory“ (1971) brillierte, hatte er sich in nullkommanichts zu einem flamboyanten Rocksänger gewandelt, der mit dem Album „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars” (1972) zugleich das Genre des Glamrock prägte, das neue Zeitalter des „Space Age“ textlich, musikalisch und visuell für seine Kunst fruchtbar machte (begonnen hatte das mit der Hitsingle „Space Oddity“ im Jahr der Mondlandung 1969), und sich zudem auch noch als einer der ersten weltbekannten Stars offen als homosexuell bekannte, wobei er die gerade erst entstehende Ästhetik zwischen „camp“ und „queer“ mit prägte.

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          David Bowie : Sein Leben in Bildern

          Diese Themen allein hätten locker für mehr als eine Karriere gereicht, aber obwohl Bowie sie zeitlebens wieder aufgriff, auch in ganz anderen Formen – man denke nur an seinen schauspielerischen Auftritt in Nicolas Roegs Science-Fiction-Film „The Man Who Fell to Earth“ oder an seine technoide Hitsingle „Hallo Spaceboy“, in der er singt „Do you like boys or girls? It’s confusing these days“ – gab er sich damit längst nicht zufrieden, war um 1975 schon wieder abgebogen (oder weiter abgehoben?) in ganz neue Gefilde. Art Rock, Krautrock, Soul, später auch Jazz und Drum 'n' Bass hat er integriert und verwandelt, allein seine Berliner Zeit von 1976 bis 1979 mit wieder völlig anderer Ästhetik, die die drei Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ hervorbrachte, ist zu einem eigenen Buchthema geworden.

          Rock- und Poplegende gestorben : David Bowie ist tot

          Ebensogut könnte man heute ein Buch über David Bowie als New Yorker schreiben – Marc Spitz hebt diesen Aspekt in seiner Biographie hervor und schreibt besonders von der Phase nach dem 11. September 2001, als Bowie plötzlich überall auf der Straße gesehen wurde und im Jahr darauf eine Reihe von Clubkonzerten in den Five Burroughs gab. Nach einer Lesart, die Bowies Werk der achtziger Jahre und insbesondere die Zeit mit Tin Machine nonchalant als zunehmende Verirrung stempelt, könnte diese Phase, in der sich Bowie angeblich von jungen Rockbands wie den Strokes oder Interpol neu inspirieren ließ und die dann in sein Album „Reality“ mündete, auch als Beginn eines abgeklärten Spätwerks gedeutet werden.

          Aber Moment!, rufen da sofort andere einstürzende Erinnerungen, was ist dann mit den großen Tanz-Hits der Achtziger, mit „Let’s Dance“ und „China Girl“? Bowie wusste eben schon Jahrzehnte vor Daft Punk, dass man Nile Rodgers engagieren muss, um die maximale Funkiness in ein Lied zu bekommen. Und ist nicht wiederum der eingängige Synthesizer-Track „This is Not America“ (schöner hat Bowie wohl nie gesungen), eigentlich schon der große Abgesang, der dann anderthalb Jahrzehnte später variiert wird? Wie könnte man schließlich in einem Bowie-Nachruf das Lied „Cat People“ weglassen, bei dem man sofort an zwei Filme denken muss, nämlich an die softerotische Phantasie mit Nastassja Kinski als Raubkatze und an die Racheszene mit Mélanie Laurent in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, die wie einer Verbildlichung der explosiven Zeilen wirkt: „I've been putting out fire/ With gasoline“?

          Das könnte ein Motto für die künstlerische Entwicklung David Bowies sein. Verstörend neue Ästhetik wie auch sehr eingängige neue Refrains hat er wirklich bis hin zum letzten Album immer wieder geschaffen. Über welchen anderen Künstler, der nur kurze Zeit nach den Beatles begann, könnte man das wohl sonst noch sagen? Bis zuletzt hat er diese Entwicklung gemeinsam mit dem Musiker und Produzenten Tony Visconti vollzogen, der von Anfang an dabei war – auch das eine außergewöhnliche Konstellation, deren Bedeutung womöglich noch nicht ganz ermessen ist.  Wie sehr insbesondere die elegischen Lieder und Musikvideos der letzten beiden Alben „The Next Day“ und „Blackstar“ schon im Bewusstsein des Vermächtnisses geschaffen wurden, wird man erst langsam begreifen.

          Am Sonntag, dem 10. Januar, zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag, erlag David Robert Jones einer zuvor nicht öffentlich gemachten Krebserkrankung.

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