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Zum Tod Birol Ünels : Mein Captain

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Er war impulsiv, exzentrisch, radikal und manchmal auch nicht berechenbar. Rauh und sanft zugleich war er ein Rebell und Nonkonformist, den es heute so nicht mehr geben kann. Ein Nachruf auf den Schauspieler Birol Ünel.

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          Ich blickte in das charismatische Gesicht meines Gegenübers. Die dunkelgrünen Gläser seiner Ray Ban versteckten seine Augen. An einem sonnigen Sonntag im September 1999 interviewte ich Birol Ünel, den ich in Thomas Arslans „Dealer“ und in der Rolle von Captain Mahmud in Breloers Dokudrama „Todesspiel“ bewundert hatte.

          Damals hielten deutsch-türkischer Rap und deutsch-türkische Filme Einzug im Feuilleton. Fragmente migrantischen Lebens wurden mit hybriden Geschichten und Sounds in neue Erzählungen verwoben. Von diesem Hype wollte Birol Ünel nichts wissen. Das Gerede von aufstrebenden Türken habe er satt, diktierte der Schauspieler in mein Aufnahmegerät. Heute wollen die unsere Gesichter, morgen unsere Ärsche, mutmaßte Ünel, stand auf und ließ mich im gebrochenen Türkisch wissen, dass er kein Türke, sondern ein „Fellah“ sei. So nennt ihr Türken uns Araber doch, sagte er und lachte.

          Auch in der Türkei gefeiert

          Danach kreuzten sich immer wieder unsere Wege. Eigentlich begegneten wir uns ständig im Jubinal, einer Bar in Berlin-Mitte. Wir tranken und redeten, tanzten zur Livemusik, wenn sie richtig gut war, auch schon mal auf dem langen Tresen. Am schönsten war es, mit Birol zu schweigen. Das konnte man stundenlang, ohne dass ein unangenehmes Gefühl aufkam.

          Es hätte immer so weitergehen können. Doch dann war Birol weg. Ich sah ihn 2004 auf der Leinwand wieder. Captain Mahmud war jetzt Cahit geworden. Es war aufwühlend und tief berührend, wie er mit seinem großartigen Schauspiel frei von Larmoyanz und Identitätsfolklore unseren Sehnsüchten einen ästhetischen Ausdruck verlieh, ikonographisch für eine Generation von Menschen mit Migrationsgeschichte. Wenn ich Birol als Schauspieler sah, hatte ich oft das Gefühl, selbst in seinen Filmen vorzukommen, obwohl mein Leben nicht annähernd so spannend war.

          Birol Ünel wurde gefeiert, auch in der Türkei. Der „bad guy“ und Draufgänger war wie gemacht für das Boulevard am Bosporus. Der Ruhm schien ihm nicht zu bekommen. Mir fehlte der Mut, ihn darauf anzusprechen, als wir uns viele Monate später in unserer Ecke über den Weg liefen. Birol erklärte, dass er nach Kreuzberg ziehen werde. Was willst du dort?, fragte ich. Was soll ich noch hier?, entgegnete er. Ich verlor Birol aus den Augen. Das schien vielen so zu gehen. Wenn ich gemeinsame Bekannte nach ihm fragte, tauchten beunruhigende Mutmaßungen auf. Alkohol. Probleme. Keine Engagements.

          Ein letztes Treffen

          Während seine Weggefährten an ihren Karrieren feilten und Communities auf Social Media unterhielten, schien es kein Netzwerk für Birol zu geben. Irgendwann führte die Springer-Presse ihn als Obdachlosen vor. Ein Armutszeugnis für seine Freunde und Bekannten, seine Branche und seine Kollegen. Unser gemeinsames Versagen.

          Birol Ünel war kein einfacher, aber ein wundervoller Mensch. Er war impulsiv, exzentrisch, radikal und manchmal auch nicht berechenbar. Birol war rauh und sanft zugleich. Er konnte schreien und laut sein. Wenn er aber etwas Wichtiges sagte, sprach er leise. Ein Rebell und Nonkonformist, den es heute so nicht mehr geben kann und dessen Leben der Film war, aber eben nicht nur.

          Das letzte Mal sah ich ihn vor einigen Jahren an einem Samstagmorgen in Kreuzberg. Wie groß sie schon sei, sagte Birol mit leiser, kratziger Stimme und deutete auf meine Tochter. Birol sah nicht gut aus. Er wollte ein Bier trinken. Dafür war es viel zu früh und viel zu spät zugleich. Unsere Wege kreuzten sich danach nicht noch einmal. Adios, Captain Mahmud. Nur içinde yat, delikanli.

          Imran Ayata ist Autor und Gesellschafter der Agentur „Ballhaus West“.

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