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Zum Tod von Bill Cunningham : Das Auge der Modeszene

Zukunftsblick: Bill Cunningham auf der Marc-Jakobs-Schau 2008 in New York Bild: Helmut Fricke

Er war der Urvater der Street-Style-Fotografie, zuletzt ging er zwischen all seinen bloggenden Nachfolgern fast unter. Nachruf auf Bill Cunningham, für den sich halb New York herausputzte.

          Wenn vor den Modenschauen in New York oder Paris Hunderte von Street-Style-Fotografen die besten oder auch nur die vermeintlich besten Looks fotografierten, konnte man ihn leicht übersehen. Denn Bill Cunningham war nicht besonders groß, zuletzt auch noch gekrümmt durchs Alter, und er spielte sich nicht in den Vordergrund. Er schloss sein klappriges Fahrrad an der nächsten Ecke ab, näherte sich den Frauen unauffällig und machte seine Fotos, meist noch ehe sie etwas bemerkt hatten.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Dabei war Bill Cunningham der Vater – oder besser: der Großvater – all der Blogger, die heute mit ihren Street-Style-Fotos das Internet überfluten. Schon seit 1978 traten gut gekleidete Frauen in seiner wöchentlichen Kolumne in der „New York Times“ auf, meist zusammengepfercht auf einer halben Seite in einem arg engen Layout: die Moderedakteurinnen aus Paris, die Gesellschaftsdamen von der Upper East Side, die Einkäufer der japanischen Kaufhäuser, die Stars aus Hollywood. Mal waren sie nach Trends geordnet (rote Mäntel, weite Hosen, weiße Blusen), mal nach Anlässen (Met Ball, Fashion Week). „Wir kleiden uns alle für Bill“, sagte „Vogue“-Chefin Anna Wintour einmal, und das war nur halb im Spaß gemeint.

          Der höfliche Paparazzo

          Wenn gerade keine großen Veranstaltungen anstanden, pendelte der höfliche Paparazzo mit seinem Rad zwischen Downtown und Uptown, um sich von der Stilsicherheit seiner Stadt zu überzeugen. Ansprechen durfte man ihn während der Arbeit nicht, so konzentriert war er; darin ähnelte er seinen besten Nachfolgern, Scott Schuman und Tommy Ton, die Street-Style-Fotografie ins Internet-Zeitalter überführen und ebenso besessen daran arbeiten. Wie so manchem Fotografen war es Cunningham ein Gräuel, selbst fotografiert zu werden. Wenn ihm Fotografen auflauerten, bückte er sich blitzschnell hinter Autos oder fuhr davon.

          Lebende Legende auf New Yorks Straßen: Bill Cunningham, 2010, charekteristisch mit blauer Jacke und Fahrrad Bilderstrecke

          Cunningham, der am 13. März 1929 in Boston geboren wurde und nur kurz in Harvard studierte, zog 1948 nach Manhattan. Er arbeitete in der Werbung, diente in der Armee, schrieb eine Kolumne in „Women´s Wear Daily“. Mit seiner ersten Kamera fotografierte er 1967 den „Summer of love“. In den revolutionären Zeiten lernte er, dass sich das wahre Leben draußen auf der Straße abspielt, wo Privates und Öffentliches dauernd aufeinanderstoßen. Und so hieß denn auch seine Kolumne „On the street“. Die „New York Times“ wollte ihn immer mal wieder fest anstellen. Aber er blieb bei seinem bescheidenen Leben als Freier. Wofür hätte er bei den Schauen auch eine Limousine benötigt? Er hatte ja sein Fahrrad.

          Geehrt wurde er in seinen späten Jahren genug. Für die Dokumentation „Bill Cunningham New York“ (2010) öffnete sich der sonst so öffentlichkeitsscheue Fotograf. Viele seiner Fotos wurden schon von der New-York Historical Society ausgestellt. Und in Paris wurde er in die Ordensklasse Officier des Arts et Lettres aufgenommen. Cunningham, der überall dabei war und nirgends dazugehörte, machte sich aber nichts daraus. Es schien ihn sogar kalt zu lassen, dass er eine ganze fotografische Richtung begründet hatte. Noch vor 15 Jahren stand er als Fotograf allein vor den Türen von Dior oder Ralph Lauren. Zuletzt ging er langsam in der Masse unter. Im Alter von 87 Jahren ist er nun ganz gegangen: Am Samstag ist Bill Cunningham in New York an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

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