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Ballerina Zizi Jeanmaire tot : Glück in rosa Federn

  • -Aktualisiert am

Zizi Jeanmaire während der Generalprobe von „Gainsbourg“ Bild: dpa

Klassische Rollen interessierten Zizi Jeanmaire nicht: Wenn sie auftrat, dann nicht nur mit High Heels, sondern auch in Yves Saint Laurent; nicht nur als Ballerina, sondern auch als Sängerin. Ein Nachruf auf eine Ikone.

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          Ihren Mann lernte Renée Marcelle Jeanmaire kennen, als sie gerade neun Jahre alt war. In den Kinderballettklassen der Pariser Oper, wohin ihre Eltern das talentierte Kind glücklicherweise schickten, trainierte auch der Knabe Roland Petit, später einer der bekanntesten Choreographen Frankreichs. In ihrer 2008 erschienenen Biographie gestand die Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin, die unter dem Namen Zizi Jeanmaire der letzte weltbekannte Pariser Revuestar werden sollte, sie habe sich sofort von seiner Persönlichkeit angezogen gefühlt. Noch immer kursiert die Legende, die beiden seien sich als „petits rats“ spinnefeind gewesen.

          Vielleicht ein Mythos wie der, dass Petit es war, der ihr den Kosenamen gab, unter dem sie auftrat: Zizi, identisch mit einem sexuell konnotierten Begriff aus dem Pariser Slang, dem Argot, aber auch „das kleine Vögelchen“ bedeutend, was gut zu der zierlichen, 1924 geborenen Ballerina passt, deren Größe mal mit 1,58 Meter, aber nie mit mehr als 1,63 Meter beziffert wird. Zizi selbst sagte, ihr Nenn-Name sei der abgeschliffene Stoßseufzer ihrer Mutter, „mon Jésus“. So wurde sie ihr Leben lang beschrieben, als vor Energie berstend, als strahlender Revuestern, dessen Beine länger waren als ihre Person im Ganzen und ohne den Paris nicht Paris wäre. Das war es schon nicht mehr, seit sich Zizi mit einem Konzert in der Opéra Bastille endgültig von der Bühne verabschiedete – selbstverständlich erst mit 75 Jahren.

          Die singende Ballerina

          Roland Petit und sie, seit 1954 verheiratet und seit 1955 Eltern von Valentine, lebten zuletzt in der Schweiz. In Tolochenaz im Kanton Waadt ist die seit 2011 verwitwete Jeanmaire am vergangenen Freitag im Alter von 96 Jahren gestorben. Im Netz kann man sie in der Rolle sehen, mit der die lebenslang Unzertrennlichen 1949 weltberühmt wurden: als „Carmen“, von und mit Roland Petit. Bereits fünf Jahre zuvor, 1944, hatten die beiden die Pariser Oper mutig verlassen. Im Jahr 1950 bewies Jeanmaire ihrem Mann und der Welt, dass sie auch eine Sängerin war. Die Hauptrolle in „La Croqueuse de Diamants“ hätte er beinahe einer anderen gegeben. Mit der Disziplin einer Ballerina hatte sich Jeanmaire abends nach ihren Auftritten mit stundenlangem Üben selbst das Singen beigebracht. Ihre Stimme war noch frecher als ihr Kurzhaarschnitt, für den nun wirklich ihr Mann verantwortlich war.

          Das kleine Vögelchen: Die zierliche, 1924 geborene Ballerina wurde mal mit 1,58 Meter, aber nie mit mehr als 1,63 Meter beziffert.
          Das kleine Vögelchen: Die zierliche, 1924 geborene Ballerina wurde mal mit 1,58 Meter, aber nie mit mehr als 1,63 Meter beziffert. : Bild: AFP

          Klassische Rollen interessierten sie nicht. Wenn sie als Music-Hall-Star auftrat – „Zizi au Bobino“ hieß das, oder „Zizi au Zénith“ –, dann betonte sie ihre unglaublich schönen Beine nicht nur mit High Heels, sondern mit einem paillettenglänzenden, hochgeschlossenen Minidress von Yves Saint Laurent. Ihr großherziges Lächeln, ihre Mischung aus Eleganz und Street Credibility, aus Ballett und Casino passten perfekt in die Jahrzehnte ihrer Karriere. Der Traum der sechziger und siebziger Jahre, ästhetisch integrieren zu können, was gesellschaftlich getrennt war – Hochkultur und Nachtclub, Ballett und moderne Themen –, spiegelt sich in den Kondolenzen zu Jeanmaires Tod: Emmanuel und Brigitte Macron verneigen sich vor der Ikone mit einer berührenden Botschaft aus dem Elysée-Palast; das Lido de Paris trauert genauso öffentlich wie die Ballettdirektorin der Pariser Oper.

          „Zizi je t’aime“ hieß ihre berühmteste Show, die Roland Petit 1970 für sie schuf, als die beiden Theaterbesitzer wurden, „Mon truc en plumes“ ihr faszinierendster Auftritt (siehe Youtube). Knapp zwei Dutzend Männer in Schwarz halten pinkfarbene Federfächer, groß wie Wagenräder, tanzend um sie herum, in immer neuen halluzinatorischen Formationen. Zizi wird getragen, Zizi wird geborgen, die Federn sind ihr Kleid, ihre Wolke, ihr Pfauenschwanz. Sie aber, die geliebte Liebenswürdige, singt und strahlt und tanzt, Directrice in ihrem eigenen Zirkus des Glücks. 

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