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Zum Tod Ronald Searles : Everyday was Weihnachten

Er war der zeichnende Chronist des zwanzigsten Jahrhunderts und nicht nur der furchtloseste, sondern auch der charmanteste Vertreter seiner Zunft. Zum Tod des englischen Cartoonisten Ronald Searle.

          3 Min.

          Beim letzten Mal, als ich Ronald Searle traf, war es Sommer, und Monica Searle, seine Frau, lebte noch. Wir trafen uns in Tourtour, jenem Bergdorf in der Provence, wo Searle seit den siebziger Jahren lebte und dessen Name als Geheimsache gehandelt wurde, um den britischen Star-Cartoonisten vor unliebsamen Besuchern zu schützen. Jetzt ist keine Diskretion mehr nötig. Es ist Winter, Monica Searle starb im vergangenen Juli, und Ronald Searle ist ihr am 30. Dezember nachgefolgt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Mit ihm starb nicht nur ein Ausnahmekünstler, ein Liebling des Publikums, ein höchst scharfsinniger Beobachter und Kommentator seiner Zeit. Mit dem am 3. März 1920 in Cambridge geborenen Ronald Searle ist auch eine Ära beendet. Er war einer jener Zeichner, die in den fünfziger und sechziger Jahren in der ganzen Welt unterwegs waren, um etwas anzufertigen, was danach in Vergessenheit geriet und erst seit einigen Jahren mühsam wiederbelebt wird: die illustrierte Reportage.

          Zeichnungen aus der Gefangenschaft

          Für das opulente Magazin „Life“ oder die längst untergegangene, aber prägende amerikanische Illustrierte „Holiday“ hat Searle alle Kontinente bereist, ist jenseits des Eisernen Vorhang und jenseits des Polarkreises gewesen, hat die Prostitution in St.Pauli und die Frömmigkeit im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten dokumentiert, den Eichmann-Prozess in Jerusalem zeichnend begleitet und das zwanzigste Jahrhundert in seinen unverkennbaren Strich gebannt - als einer jener Überlebenden dieses Jahrhunderts, denen man nach ihren Erlebnissen nie mehr die Kraft zugetraut hätte, sich ihrer Zeit in all deren Faszination und Abscheulichkeit zu stellen. Und die das dann aber auf eine Weise und mit einer Kraft taten, über die niemand sonst verfügte.

          Searle war ein Überlebender der japanischen Kriegsgefangenenlager des Fernen Ostens. Mit dem Fall von Singapur geriet der damals frisch rekrutierte britische Soldat für mehr als drei Jahre in Gefangenschaft und musste unter anderem in Burma als Arbeitssklave Eisenbahnverbindungen bauen. Es gibt keine eindrucksvollere Bildquelle über das Entsetzen, das in dieser Dschungelhölle herrschte, als Searles Zeichnungen, die er während der ganzen Zeit weitgehend im Geheimen anfertigte, die von seinen Mitgefangenen versteckt wurden und die nach der glücklichen Heimkehr seinen Ruhm in England begründeten. Bis St.Trinian’s kam.

          Frankreich als zweite Heimat

          Mit dieser 1946 begonnenen nachtschwarzhumorigen Zeichnungsserie über die Geschehnisse in einem fiktiven Mädchenpensionat sprengte Searle alle Cartoonisten-Maßstäbe für Erfolg. Er selbst wurde dieses Triumphs bald überdrüssig und ließ seine gezeichnete Schule bereits 1953 in einer Atombombenexplosion untergehen. Doch konnte er damit nicht verhindern, dass sein Schaffen in der Heimat immer wieder auf dieses Werk reduziert wurde, zumal die Nachauflagen und Neuverfilmungen von „St.Trinian’s“ bis heute nicht abreißen.

          Also kamen die Aufträge der illustrierten Magazine für den reisenden Cartoonisten hochwillkommen - umso mehr, nachdem der verheiratete Familienvater Ende der fünfziger Jahre in Paris die aus englisch-deutscher Familie stammende Ballettausstatterin Monica Koenig kennen- und lieben gelernt hatte. In England galt diese Liaison als Skandal; fortan kehrte Searle dem Land den Rücken und kehrte auch nicht wieder zurück, als er nach der endlich erreichten Scheidung Monica geheiratet hatte. Erst in Paris, dann in Tourtour, wo die Searles drei von außen unscheinbare mittelalterliche Bruchsteinhäuser zu einem im Inneren grandiosen Ensemble verbanden, richtete sich das Künstlerpaar seine eigene Welt ein.

          Es war eine Welt, die aus der eigenen Kunst und der von zahllosen Kollegen bestand. Und doch eine Welt, in deren Zentrum Monica stand, deren Vitalität Ronald Searle dringender zum Leben brauchte als den von ihm als einziges brauchbares Lebensmittel bezeichneten Champagner. Seitdem Monica 1969 schwer erkrankte und danach nicht mehr für längere Zeit verreisen konnte, entstand das ganze Werk von Ronald Searle, der als einer der produktivsten Künstler der Gegenwart gelten muss, zu Hause. Es ist bemerkenswert, wie er in der Abgeschiedenheit der Provence, wo er sich bis auf ein Fax allen Neuerungen der Kommunikationsmittel verweigerte, als Karikaturist und Illustrator immer aktuell blieb - inhaltlich wie ästhetisch.

          Letzteres hat seinen Grund darin, dass Searle einen Zeichenstil entwickelt hat, der unnachahmlich ist und doch Schule machen sollte: Die beiden größten heutigen britischen Karikaturisten, Gerald Scarfe und Steve Bell, berufen sich ganz selbstverständlich auf ihn, und die Bewunderung für seinen kratzigen Strich, der aber Szenen von größter Poesie aufs Blatt zu zaubern versteht, ist international. Was für ein Glück, dass es dem Wilhelm-Busch-Museum für Zeichenkunst in Hannover geglückt ist, den gesamten Vorlass Searles - Tausende von eigenen Zeichnungen, die Sammlung historischer Karikaturen und die umfangreiche Bibliothek - zu erwerben.

          Ein letzter Brief

          Es war möglich, weil Searle Deutschland liebte, vor allem Berlin, wo seine Frau mehrere verklärte Kinderjahre verbrachte, ehe ihre Familie die braun gewordene Stadt 1935 verließ. Nach dem Tod von Monica im Juli 2011 überlegte Searle, wieder einmal zu reisen. In seinem letzten Brief schrieb er mir: „Offensichtlich muss ich mich nun damit abfinden, einen Alleinflug anzutreten.“ Er ist seiner Frau dann doch lieber nachgeflogen, kein halbes Jahr später.

          Ohne sie fehlte ihm die unbedingte Bindung ans Leben, die bei dem über Neunzigjährigen so frappierend war. Sein Brief schloss: „Monica liebte das Leben so sehr, weil sie zuvor so nahe am Tod gewesen war. So everyday was Weihnachten.“ Für uns als Leser war es beim Betrachten seiner Zeichnungen genauso. Sechs Tage nach dem kalendarischen Weihnachtsfest ist Ronald Searle in einem Krankenhaus der Stadt Draguignan gestorben. Weiter als zwanzig Kilometer hat er sich nicht mehr von Tourtour entfernt.

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