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Zum Tod Ralph-Rainer Wuthenows : Aus der Fremde schöpfte er fürs Eigene

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Ralph-Rainer Wuthenows gedankliche Raffinesse war erhellend. Stets kreiste sie um republikanische Vernunft und Öffentlichkeit: zum Tod des Frankfurter Literaturwissenschaftlers.

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          An dem Frankfurter Literaturwissenschaftler Ralph-Rainer Wuthenow fielen stets ein paar Verhaltensweisen und Fähigkeiten auf, die aufs Angenehmste befremdeten. Seine enzyklopädische Bildung war immer kurz davor, im Vortrag oder beim Gespräch wie brillante Gemeinheit zu wirken. Er dachte und formulierte nicht selten so, als ob seine Gedanken wie kleine Leuchtraketen in der gepflegten Arena eines Pariser oder Berliner Salons um 1800 zur Illumination beitrügen.

          Seit seiner Heidelberger Dissertation über den Kritiker und Essayisten Josef Hofmiller (1953) hat Wuthenow in großer Breite und scharfsinniger Zuspitzung über verdichtete Formen der literarischen Kommunikation gearbeitet: Aphorismus, Concetto, Fragment, Paradoxon.

          Eine schreckliche Jugenderfahrung

          Nicolas Chamfort, Friedrich Schlegel, selbstverständlich Lichtenberg und auch Nietzsche oder Paul Valéry waren seine Autoren, die er aber gewiss nicht auf diese Formen reduzierte. Nicht der Geistesblitz, der nur kurz leuchtet, interessierte ihn. Es sollte in der funkelnden Gedankentiefe immer auch republikanische Vernunft und Öffentlichkeit aufscheinen. Und Wuthenow kannte die Hälfte seiner Studienobjekte auswendig. Das wirkte für manche bisweilen deplaziert, weil der öffentliche Gebrauch rhetorisch-philosophischer Glanzlichter ein wenig aus der Mode gekommen ist.

          Nichts soll hier psychologisch entschlüsselt werden. Es darf aber an eine schreckliche Erfahrung erinnert werden, die Ralph-Rainer Wuthenow mit sechzehn, siebzehn Jahren machen musste. Seine Mutter lebte 1944 in Bad Hersfeld, der Vater war nicht im Widerstand, er war aber ein regimekritischer General. Am Edersee im nordhessischen Waldeck hatte Wuthenow zusammen mit Gleichaltrigen als beinahe noch Kindersoldat die Talsperre zu bewachen.

          Über Lausanne nach Bordeaux und nach Japan

          Englische Flieger hatten am 17. Mai 1943 die Edertalsperre mit fatalen Wirkungen bombardiert. Jetzt, nach dem Attentat vom 20. Juli, sollten die Jugendlichen den Himmel überwachen. Wuthenow schrieb kritische Bemerkungen über den Krieg in ein Tagebuch und ließ es dort, wo er Wache halten musste, liegen. Seine Kameraden fanden es und verrieten ihn. Er wurde zum Tode verurteilt, konnte aber durch Intervention des Vaters der Vollstreckung in der Marburger Psychiatrie entgehen. Wuthenow hat darüber erst spät geschrieben: Im Juli 2011 sendete das Kulturprogramm des Hessischen Rundfunks seine Erzählung „Die Haft“.

          Die aphoristische Verdichtung gedachter Realität ist das eine, das andere ist Wuthenows auch wieder enzyklopädische Welterkundung und komparatistische Aufhebung der Grenzen der Nationalliteratur. Er ging nach dem Studium in Lausanne und Heidelberg für zwei Jahre nach Bordeaux. Dann folgte 1956 Japan. Dort lehrte er zuerst in Okayama, dann an der Universität Tokio, wo er Adolf Muschg traf, der an der dortigen Christian University tätig war. Lange vor der Wiederentdeckung Walter Benjamins in Deutschland wurde Wuthenow in Tokio zum Lehrer einer Benjamin-Gemeinde. Er befasste sich dort auch mit den Traditionen deutscher Jakobiner wie Georg Forster oder Carl Gustav Jochmann. Bis heute gilt Wuthenow in Japan als Begründer der komparatistischen Germanistik. 2008 erhielt er den von Kaiser Akihito verliehenen Orden der Aufgehenden Sonne.

          Aus Japan brachte Wuthenow enorme Kenntnisse der japanischen Literatur mit und das Interesse an der strikten Form des Haiku. So übersetzte er eine Sammlung der Haikus des berühmten Matsuo Basho. 1966 habilitierte er sich in Göttingen mit einer Arbeit zur Theorie der Übersetzung: „Das fremde Kunstwerk“. 1969 wurde er an die Goethe-Universität in Frankfurt am Main berufen. Bis zum vergangenen Wintersemester lehrte er dort, seit 1993 als Emeritus, Vergleichende Literaturwissenschaft.

          In mehr als zwanzig Büchern, Dutzenden Aufsätzen, bei internationalen Symposien und Gastprofessuren vor allem in den baltischen Ländern betrieb er jenseits modischer Methodenwechsel, was sein Kollege Werner Hamacher eine „Horizonterweiterung nach innen“ nennt: Philosophie einer republikanischen Rhetorik und die elegant und liebenswürdig vorgetragene Zumutung, das Fremde und sehr weit Entfernte ins eigene Denken zu integrieren. Ralph-Rainer Wuthenow starb am vergangenen Mittwoch fünfundachtzigjährig in Seligenstadt.

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