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Zum Tod Ralf Dahrendorfs : Ein Mann von unendlichem Vertrauen

Porträt aus dem Jahr 1983 Bild: AP

Geboren am 1. Mai, gestorben am 17. Juni: Wie sehr war die deutsche Geschichte diesem Leben eingeschrieben. Eine Erinnerung an den Soziologen, Publizisten und Politiker Ralf Dahrendorf, der am Mittwoch im Alter von achtzig Jahren starb.

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          Wenn Ralf Dahrendorf in seiner frühen Zeit als Soziologe sich auf ein Vorbild berufen konnte, dann war es Georg Simmel. Denn dieser, einer der Pioniere der Sozialwissenschaft im Deutschen Kaiserreich, hatte schon von der produktiven, belebenden, am Ende auch vielleicht zivilisierenden Wirkung gesellschaftlicher Konflikte gesprochen. Damit war einer apokalyptischen Lesart der Boden entzogen - Konflikte liefen nicht auf ein „letztes Gefecht“ der Arbeiterklasse hinaus, nach dem dann das „Reich der Freiheit“ anbrechen würde. Zugleich aber waren die Widersprüche und Kämpfe auch entdämonisiert, sie gingen nicht auf böse Absichten der Akteure zurück, sondern ergaben sich aus dem Wesen der Gesellschaft selbst.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Diese Unbefangenheit gegenüber den Begriffen von „Klasse“ und „Konflikt“ war entscheidend für Dahrendorfs theoretische Anfänge. Seine Vision, wenn man davon bei einem forschenden Menschen sprechen kann, zielte auf ein Gemeinwesen, das Konflikte selbstbewusst zu ertragen fähig wäre. Diese liberale Grundentscheidung - aber der Begriff des Liberalismus war ihm ganz eigen und wurde damals noch von kaum einem politischen Liberalen geteilt - immunisierte Dahrendorf auch gegen einen Spätmarxismus, den er als Assistent am Frankfurter „Institut für Sozialforschung“ in den fünfziger Jahren in seiner ganzen Zweideutigkeit kennengelernt hatte.

          Ironie der Wissenschaftsgeschichte

          In Max Horkheimers Direktorat des Instituts sah er ein Rollenspiel, die „Vieldeutigkeit der ,kritischen Theorie‘, die Fähigkeit, noch in der Anpassung an Marktwirtschaft und Westbindung den Eindruck zu erwecken, man sei eigentlich antikapitalistisch und antiamerikanisch.“ Eigene Ironie der deutschen Wissenschaftsgeschichte: Dahrendorf, der über Klassen und Klassenkonflikte eine Habilitationsschrift verfassen wollte, musste sich von dem ehemaligen Marxisten Horkheimer fragen lassen; „Warum Klasse? Es ist doch nicht nötig, bewusst zu schockieren.“ In seinen Lebenserinnerungen teilte Dahrendorf lakonisch mit: „Ich zog meine eigenen Schlüsse.“ Er verließ das legendäre Institut einen Monat später.

          Ralf Dahrendorf an seinem 80. Geburtstag
          Ralf Dahrendorf an seinem 80. Geburtstag : Bild: dpa

          Wie symbolisch erscheint nun der Geburtstag dieses Sohnes eines sozialdemokratischen Vaters: Der 1. Mai 1929. Kampftag der Arbeiterklasse. Und wie eine Antwort der Todestag: der 17. Juni 2009, das Datum, an dem man eines anderen Arbeiterkampfes gedenkt, des Aufstands in Ostberlin und der DDR 1953. Wie sehr war die deutsche Geschichte diesem Leben eingeschrieben.

          Von außerordentlicher Liberalität

          Wenn ich mich an ihn erinnere, kann ich sagen, dass er seine wissenschaftliche Grundentscheidung für das Ertragen von Konflikten in seiner persönlichen Haltung aufs Eindrucksvollste bewährte. Im Gespräch war er von außerordentlicher Liberalität; abweichende Ansichten des Gegenübers als Kränkung seiner Person zu empfinden oder als Gefahr für die idealen Ziele des Gemeinwesens, lag ihm ganz fern. Er legte seine Positionen mit Höflichkeit dar, ohne Eifer, aber mit großer Bestimmtheit. Unendliches Vertrauen setzte er in die Möglichkeiten eines nicht-katastrophischen Konfliktaustrags, und das mag es gewesen sein, was ihm das britische parlamentarische System so sympathisch machte, dass er selbst als Mitglied des Oberhauses an seiner Gestalt mitwirkte.

          Die Frage, die sich heute stellt, nach seinem Tod, lautet aber, ob wir dieses Vertrauen noch teilen können. Und ob wir nicht schon längst in eine Konfliktepoche eingetreten sind, für die Dahrendorfs Theorie nicht angelegt war, nicht angelegt sein konnte. Wir leben in einem Gemeinwesen, in dem inzwischen Akteure mitspielen, auf deren zivilisierenden Beitrag wir nicht mehr unbedingt hoffen können.

          Siehe auch: Habermas zu Dahrendorfs Tod: „Der weitsichtigste Geist unserer Generation“ und FAZ.NET-Spezial: Ralf Dahrendorf ist tot

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