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Zum Tod Mike Kelleys : Der zornige Spieler

Mike Kelley (1954 - 2012) Bild: dapd

Ein Werk als ständige Gefährdung von Gewohnheiten: Der Amerikaner Mike Kelley wählte den Weg des produktiven Widerstands. Zum Tod eines radikalen Künstlers.

          2 Min.

          Mike Kelley ist der Mann, der mit den Ausbünden seiner Phantasie beim Betrachter toxische Wirkung erzeugen konnte, auf alle Sinne. Er arbeitete mit Synästhesie; seine Werke, nicht selten von raumfüllenden Dimensionen, sind haptische Herausforderungen ohnehin, und sie verströmen Töne, auch Gerüche. Sie sind wahre Trauma-Maschinen, nicht gereinigt für den sterilen Hausgebrauch, ihre Bestandteile sind von herausfordernder Verkommenheit.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Exekutiert hat Kelley seine sarkastischen Repliken auf die säuberlichen Avantgarden der Sechziger und Siebziger immer wieder an Plüschtieren. Sie sind zwar unschuldige Insignien kindlicher Bedürfnisse, aber eben auch abgewetzte, betastete, benetzte Träger abstoßender Substanzen. In seinen Installationen und Assemblagen bildet die farbliche Abstimmung der womöglich brachial gebündelten und gequetschten Tiere, die es ja in allen möglichen Färbungen und Fellvarianten gibt, einen sarkastischen Kontrapunkt: Es ist der malerische Charakter, die harmoniesüchtige Anschauung der Stofftierklumpen. Das macht sie gefährlich für die Gewohnheiten der Betrachter.

          Subtilität und Choc zugleich

          Ja, Mike Kelley hat Ernst gemacht mit der Wiederkehr des Verdrängten, im sehr klassischen Sinn - nicht nur in diesen bösen Kuscheltier-Orgien. Das gilt auch für seine anderen Arbeiten und die Gemälde, auf denen sich humanoide Morphologien oder organoide Strukturen winden. In Kelleys Schaffen wurde die Idee des „Abjekts“ in aufsässiger Zeitgenossenschaft Gestalt: Es sind die weggedrängten Substanzen, die marginalisierten Themen, die seinen Kosmos befeuerten. Sie lassen sich aus dem Surrealismus, den schlimmen Puppen eines Hans Bellmer, herleiten, folgen den subversiven Strategien des Punk und der zornigen Trashkultur - bis hin zum Kitsch, wo dann vielleicht das Lachen befreien kann.

          Mike Kelleys Installationsschau „Kandors” bei der Galerie Jablonka in Berlin im Jahr 2007 Bilderstrecke
          Mike Kelleys Installationsschau „Kandors” bei der Galerie Jablonka in Berlin im Jahr 2007 :

          Die vielfältigen Assoziationen, die verschiedene Materialien erwecken können, waren Kelleys Domäne. Er bespielte dieses Feld mit höchster Intelligenz, hinter der mitunter rabiaten Provokation standen Verletzung, Wut und Subtilität. Letztlich aus der Konzeptkunst heraus entwickelte er seine Pastiches einer Alltagswelt, Sottisen auf deren Kultiviertheit. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden sind Kelleys Koproduktionen mit Paul McCarthy, multimediale Installationen von verstörender Potenz, berüchtigt nachgerade darunter „Heidi“ von 1992 nach dem Heimatroman Johanna Spyris, zunächst als Video, dann auch als hochkomplexe Installation, Choc in Reinform. Mit Kulissen, Gummipuppen und argen Requisiten holen die Künstler autoritäre Strukturen unter der Oberfläche hervor und illustrieren zynisch die falsche Dichotomie von Natur und Kultur in der scheinbar heil-harmlosen Welt. Das Unheimliche kriecht an die Oberfläche, in der Perversion gerät die populäre Kultur auf den Prüfstand.

          Von übergreifender Bedeutung

          Mike Kelley, Jahrgang 1954, ist in Detroits Vorstadt Wayne großgeworden, sein Vater war Hausmeister in den städtischen Schulen, die Familie, deren fünftes Kind er ist, streng katholisch. Diese Prägung trieb Kelley früh in die Auflehnung, die Aversion gegen den Mainstream des saubermännischen Amerika. Er schlug zurück, mit Video, Performance, Installation, Materialbildern und Malerei, umstritten genug und angefeindet von solchen, denen das Sensorium für seine Exkursionen in den Abfall der Kultur fehlt.

          Kelley ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, nicht nur teuer auf dem internationalen Markt, sondern hochangesehen von den Museen; 2006 erhielt er in Köln den Wolfgang-Hahn-Preis der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig. Ungebrochen ist sein Einfluss auf die ihm nachgewachsene Generation von Künstlern, deren Terrain des Widerstands beschränkter ist als jenes der achtziger Jahre. Im Alter von siebenundfünfzig Jahren hat sich Mike Kelley am Dienstag in seiner Wohnung in Los Angeles das Leben genommen.

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