https://www.faz.net/-gqz-6wgcp

Zum Tod Josef Škvoreckýs : Tschechien in die Welt

  • -Aktualisiert am

Josef Škvorecký 1924 - 2012 Bild: Barbara Klemm

Der große alte Mann des Exils: Der Verleger Josef Škvorecký, ein unermüdlicher Unterstützer des tschechischen Widerstands und Literat von Rang, ist im Alter von 87 Jahren gestorben.

          2 Min.

          Wie gut, dass wenigstens Josef Škvorecký noch da ist. Diesen Stoßseufzer mögen Freunde der tschechischen Literatur und Kultur ausgestoßen haben, als man um Weihnachten in Prag Václav Havel zu Grabe trug. Škvorecký hatte seit den siebziger Jahren als unermüdlicher Verleger im Exil von Toronto dissidenten Autoren wie Havel, Milan Kundera, Ludvík Vaculík eine publizistische Basis geboten und damit den Widerstand der Charta 77 entscheidend unterstützt. Nun ist auch Škvorecký, der selbst ein großer europäischer Schriftsteller war, im außereuropäischen Exil gestorben, in dem er mehr als vierzig Jahren verbrachte.

          Seine entscheidenden Jahre waren für den 1924 Geborenen die Adoleszenz, in der er unter nationalsozialistischer Besatzung erleben musste, wie sich Menschen als Bestien erwiesen - oder als sinnlose Opfer einfach ausgemerzt wurden. Diesen Abschlussjahren des Gymnasiums im nordböhmischen Náchod zwischen 1942 und 1945 hat Škvorecký fünf Romane gewidmet, in denen das Schreckensklima von Verfolgung, Opportunismus, Überlebenskampf und Tod so illusionslos und detailliert beschrieben wird, wie in kaum einem anderen literarischen Oeuvre des letzten Jahrhunderts.

          Das Hauptwerk „Zbabělci“ (Feiglinge) wurde in viele Sprachen übersetzt und liegt auch auf Deutsch vor. Doch sorgte der Roman über eine Freundesgruppe der direkten Nachkriegszeit bei seinem Erscheinen 1958 für einen handfesten politischen Skandal, weil der Autor eben keinen radikalen Bruch zwischen dem mörderischen Totalitarismus der Deutschen und dem erstickenden Regime der Russen ausmachen konnte. Ein Beispiel: Die amerikanische Jazzmusik, für Škvoreckýs Alter Ego Danny Smiřicky Rettungsanker eines widerständigen und würdigen Lebens unterm Hakenkreuz, wurde schnell auch von den Kommunisten als dekadent verboten. Nicht zufällig hat Škvorecký dem geliebten Jazz reihenweise lakonische und doch romantische Erzählungen gewidmet, von denen die besten ebenfalls auf Deutsch vorliegen.

          Moralische Instanz in Übersee

          Škvorecký hatte nach dem Krieg konsequenterweise englische Literatur studiert, war beim internationalen Staatsverlag als Lektor gelandet. Nach seinem Rauswurf konnte er sich erst in der Lockerungszeit Mitte der sechziger Jahre als Autor etablieren, verfasste nebenbei einige gute Krimis um den Kommissar Boruvka von der Prager Mordkommission. Doch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wählte der Liebhaber und Übersetzer Chandlers, Hemingways, Faulkners endgültig das Exil jenseits des Atlantiks. In Toronto begründete Škvorecký gemeinsam mit seiner Frau Zdena Salivarová die „68 Publishers“, wo fortan die prominentesten tschechischen Autoren veröffentlichten. In Václav Havels „Briefen an Olga“ wird folgerichtig Škvorecký als moralische Autorität angeführt.

          Neben dieser unschätzbaren Arbeit geriet Josef Škvoreckýs eigenes Werk in Tschechien aber nicht in Vergessenheit. Nach der samtenen Revolution 1989 gab es Neuauflagen, erfolgreiche Verfilmungen, Editionen seiner wenig bekannten Gedichte. Bilder zeigen ein entspanntes, fast verwundertes Ehepaar Škvorecký bei einem Besuch in Náchod anlässlich einer Tagung, mit der die unscheinbare Industriestadt (bei Škvorecký heißt sie „Kostelec“) endgültig auf die Landkarte der Literatur eingeschrieben wurde.

          Unverzeihlich bleibt, dass der selbstverliebte deutsche Literaturbetrieb einem Schriftsteller, der in seiner Jugend zur Zwangsarbeit bei der Firma Messerschmidt gedemütigt worden war, nie einen Preis verleihen mochte. Doch Ehrungen daheim, in Polen, in Kanada und den Vereinigten Staaten mögen das Manko für Josef Škvorecký aufgewogen haben. Nachdem der große alte Mann des Exils am Dienstag in Toronto gestorben ist, kommentierte Tschechiens Premierminister Nečas diesen Trauerwinter seiner Nation gestern merklich erschüttert: Innerhalb eines Jahres sei mit Škvorecký, mit dem jüdischen Shoah-Überlebenden Arnošt Lustig, dem lebensfrohen Literaturdiplomaten Jiří Gruša, dem unbeugsamen Underground-Poeten Ivan Jirous und Václav Havel, dem besten Dramatiker, die Blüte der dissidenten Literatur weggestorben. Armes Tschechien, reiches Tschechien.

          Weitere Themen

          Explosionen der Lebenslust

          Bayreuther Festspiele : Explosionen der Lebenslust

          Zart und vital zugleich machen Pietari Inkinen und Hermann Nitsch aus Richard Wagners „Walküre“ ein Theater ohne Handlungsregie. Die Bayreuther Festspiele erleben in der Corona-Krise einen kreativen Schub.

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Die Digitalisierung aller Lebensbereiche beschleunigt sich. Das Foto zeigt einen Serverraum in einem Rechenzentrum des Internetdienstanbieters 1&1.

          Inflation : Keine Rückkehr in die alte Welt

          Die Politik muss sich darauf einstellen, dass sich wichtige wirtschaftliche Parameter nach der Pandemie verändern. Das betrifft nicht nur die Inflation.
          „Bayern“ für Deutschland. Als dieses Bild 2015 entstand, kehrte die Fregatte von einem Einsatz vor Somalia zurück

          Deutschland entsendet Fregatte : Flagge zeigen im südchinesischen Meer

          Mit einem ganzen Flottenverband kann die Deutsche Marine schon mangels Masse im Fernen Osten nicht aufwarten. Aber die Fregatte Bayern soll China wenigstens demonstrieren, dass Berlin an der Freiheit der Meere interessiert ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.