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Klaus Berger gestorben : Der Deuter zweier Konfessionen

Klaus Berger, der sprachgewaltige Bibelforscher Bild: Jürgen Bauer

Sein Jesus war nicht zufällig der Sohn eines Handwerkers: Zum Tod des Theologen und Erfolgsautors Klaus Berger.

          2 Min.

          Der „Fall Berger“, als ökumenisches Verwirrspiel beargwöhnt, war dann doch einfacher zu lösen, als seine Inszenierung nahegelegt hatte. Klaus Berger, ein katholisches U-Boot in der evangelischen Kirche? Klaus Berger, katholisch getauft, 1968 aber evangelisch geworden, unterdessen heimlich weiter Katholik geblieben?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Nach einer Dozentur in den Niederlanden lehrte er von 1974 bis 2006 als Professor für Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Kurz vor seiner Emeritierung dort hatte Berger, kirchenamtlich evangelisch, sich immer öfter als „Exil-Katholiken“ bezeichnet. Sein Übertritt sei niemals ein Austritt gewesen, erklärte der prominente Vortragsredner, der sich geistlich bei den Zisterziensern orientierte, ein Beichtvater sowie Joseph Ratzinger persönlich wüssten um die näheren Modalitäten und hätten sie toleriert.

          Der Vatikan dementierte die flamboyante Option einer doppelten Konfessionszugehörigkeit, auch Ratzinger seien im Blick auf Berger keine anderslautenden Informationen bekannt. Unwidersprochen blieb 2006 schließlich die Mitteilung der badischen Landeskirche, Berger sei inzwischen aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

          Ein kantiger Denker

          Dass Klaus Berger, einer der führenden deutschen Neutestamentler, nicht nur physiologisch ein kantiger Schädel war, belegt sein letztes Interview, das er zusammen mit Johanna Rahner zu Beginn dieses Jahres der „Herder Korrespondenz“ gab. Es steht unter der exegetisch programmatischen Überschrift „Fremdes als Fremdes wahrnehmen“ und liest sich wie ein Vermächtnis. Nein, Berger hat es nicht verdient, jetzt als Warner vor dem Zeitgeist ausgerufen zu werden, nur weil er eine Sprache pflegte, die sich so markant vom didaktisierenden, oft bis an die Grenze des Servilen gehenden Theologendeutsch abhob. So hielt Berger es für ein grundlegendes theologisches Missverständnis, die historisch-kritische Methode der Bibelexegese gegen das Genre Heilige Schrift im Zeichen des „Zeitbedingten“ auszuspielen.

          Alles an der Bibel sei doch zeitbedingt, erklärte Berger, ohne dass deshalb die Kategorie der Ewigkeit obsolet würde: „Aus meiner Sicht ist alles zeitbedingt, weil es von konkreten Menschen verstanden, begriffen und weitergegeben worden sein muss. Insofern hat alles Anteil an der Menschwerdung Gottes. Bei der Offenbarung geht es um dasselbe wie bei der Inkarnation. Gott spricht zu den Bedingungen der Menschen: mit ihrer Sprachen, mit ihren Mythen, mit ihren Vorstellungen. Und Jesus ist zu den Bedingungen eines munteren Handwerkersohns aufgewachsen.“

          Die Rolle des Historischen

          Es gehe aber nicht nur um eine theologische Einbindung der historischen Befunde, es gehe auch um die begrenzte Aussagekraft des Historischen selbst: „Ich würde nie sagen: Das ist der historische Jesus. Es ist vielmehr so, dass bei keinem Jesus-Wort die Echtheit oder die Unechtheit nachweisbar ist.“ Die Kirche müsse daher rechtfertigen, wie bei exegetisch komplizierten Fragen (Bergers Beispiele: Auferweckung von den Toten, Jüngstes Gericht) mit den Worten Jesu umzugehen sei, ohne sie einfach in Abrede zu stellen.

          Dass der konsequent interdisziplinär, gerade auch religionsgeschichtlich verfahrende Berger auf seinen Ruf als theologischer Erfolgsautor von rund siebzig Büchern nichts kommen ließ, weder Konfessionsgezänk noch päpstliche Weltbestseller, machte er stets deutlich, ob gelegen oder ungelegen. Es sei doch aberwitzig zu denken, Joseph Ratzingers Jesus-Literatur könne es mit seinem, Bergers, Jesus-Buch an publizistischer Tiefenwirkung aufnehmen. „Die Wirkung von Benedikts Jesus-Buch beschränkt sich auf die Bücherregale, die ein Kilogramm mehr Gewicht tragen müssen“, ließ Berger in seinem letzten Interview wissen. Auch dies wollte er bei seiner Selbstexegese nicht in Abrede gestellt sehen – dass hier jemand seine Eitelkeiten allenfalls witzig verbrämt, statt sie raffiniert zu leugnen. Klaus Berger ist am Montagabend im Alter von neunundsiebzig Jahren an seinem Schreibtisch in Heidelberg gestorben.

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