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Eberhard Jüngel gestorben : Um Gott braucht der Mensch sich nicht zu sorgen

  • -Aktualisiert am

Eberhard Jüngel an seinem Schreibtisch in Tübingen Bild: picture-alliance/ dpa

Er hat Generationen von Studenten geprägt, war Kanzler des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste und Ehrendomprediger am Berliner Dom: Zum Tod des Theologen Eberhard Jüngel.

          3 Min.

          Als Lehrer war er unerbittlich. Gerede ließ er nicht durchgehen. Das griechische Neue Testament hatte stets griffbereit zu sein, und wer rigoroses Denken scheute, war fehl am Platz. Wer bei Jüngel studierte, lernte Texte lesen, die großen Entwürfe der europäischen Philosophie und die zentralen Texte der theologischen Tradition. Man las Satz für Satz und Absatz für Absatz, prüfte jede Formulierung, spürte jeder Wendung des Gedankens nach, ließ keine Sinnnuance undiskutiert.

          Auch in den Jahren der Studentenrevolten und ihrer Nachwehen gab Jüngel keinen Deut nach. Für theologische Wohlstandssozialisten und akademische Schreibtischrevolutionäre hatte er nichts übrig. Theologie war für ihn kein Zeitgeistverstärker. In ihr geht es um Wahrheit, die frei macht, und die Grundfragen menschlicher Existenz. Die wusste er gedankenscharf und sprachsensibel zu thematisieren. Seine Vorlesungen waren deshalb überfüllt, und seine Predigten zogen die Zuhörer in Bann. Dass Theologie genau dadurch eine politische Dimension hat, dass sie unter den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen rigoros als Theologie betrieben wird, stand außer Frage. Von seinen Assistenten verlangte er auch die Kenntnis des Grundgesetzes der Bundesrepublik und der Verfassung der DDR.

          Er war und blieb Bürger der DDR

          Dort war Jüngel einen Tag vor dem Abitur als „Feind der Republik“ von der Schule verwiesen worden. Studieren konnte er evangelische Theologie nur an einer kirchlichen Hochschule. Dass die Kirche das möglich machte, hat er ihr nie vergessen. Zeitlebens blieb die Kirche für ihn der Raum der Freiheit und der Solidarität, wo man die Wahrheit sagen konnte und die gesellschaftlichen Denkverbote nicht galten.

          Eberhard Jüngel, geboren am 5. Dezember 1934 in Magdeburg, studierte in Naumburg und Ost-Berlin, bei Gerhard Ebeling in Zürich, Karl Barth in Basel und dem Bultmann- und Heidegger-Schüler Ernst Fuchs in Berlin. Mit 27 Jahren wurde ihm wegen des Mauerbaus über Nacht eine Dozentur am Sprachenkonvikt in Ost-Berlin übertragen. Von 1966 bis 1969 lehrte er mit Genehmigung der DDR-Behörden in Zürich, dann wechselte er mitten in den Studentenunruhen nach Tübingen, wo er bis zu seiner Emeritierung 2003 als Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsphilosophie sowie als Direktor des Instituts für Hermeneutik wirkte.

          Gott ist mehr als notwendig

          Viele Jahre lang weigerte er sich, einen Pass der Bundesrepublik zu beantragen. Er war und blieb Bürger der DDR auch im anderen deutschen Staat. Anders als für seine global präsenten Kollegen Moltmann und Küng, mit denen ihn über Jahrzehnte eine streitfreudige Freundschaft verband, waren Auslandsreisen für ihn daher immer schwierig. Umso intensiver engagierte er sich akademisch, kirchlich und öffentlich. Viele Jahre war er Ephorus des Evangelischen Stifts in Tübingen, Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Vorsitzender der Kammer für Theologie in Hannover. Er war Kanzler des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste und Ehrendomprediger am Berliner Dom.

          Generationen von Studenten prägte er durch seine Theologie. In deren Zentrum stand Gottes Kommen, das Menschen zur Freiheit befreit und zur Wahrheit befähigt. Ohne Gottes Advent gäbe es keinen Glauben, hätten Christen nichts zu sagen, könnte christliche Theologie nichts Wahres denken. Der gängigen Meinung, unter den Bedingungen der Moderne sei zuerst die anthropologische Relevanz des Gottesgedankens zu erweisen, ehe man von Gott verantwortlich reden könne, hat er stets widersprochen. Gott ist nicht notwendig, sondern mehr als notwendig.

          Eine Erfahrung mit allen Erfahrungen

          Er ist um seiner selbst willen interessant, nicht weil er zur Lösung anderer Probleme gebraucht wird. Nicht unsere Mängel und Bedürfnisse definieren, was Gott ist, sondern die Möglichkeiten und Neuanfänge, die sein Kommen eröffnet. Auch Jüngel denkt vom Menschen aus, aber er versteht den Menschen ganz von dem her, was Gott an ihm wirkt und aus ihm macht. Gottes Kommen ist durch nichts bedingt, sondern reiner Überschuss seiner Liebe. Wo die sich ereignet, tritt keine weitere Erfahrung neben andere, sondern es kommt zu einer Erfahrung mit allen Erfahrungen. Alles rückt damit in ein neues Licht.

          Nachdrücklich hat Jüngel Theologie und Kirche daher immer wieder daran erinnert, dass sie der Welt nichts anderes zu bieten haben als den Hinweis auf Gottes Advent durch Wort und Tat. Sie können Gottes Kommen nicht befördern, sie können es nur bezeugen. Gott kommt als Gott stets von sich, zu sich und durch sich selbst, genauso aber erschließt er seine Liebe als Geheimnis der Welt und erweist sich als menschenfreundlich.

          Jüngels ganzes theologisches Oeuvre dreht sich um diese Einsicht, von den frühen Arbeiten „Paulus und Jesus“ und „Gottes Sein ist im Werden“ über sein Opus magnum „Gott als Geheimnis der Welt“, seine ökumenische Hauptschrift „Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens“, seine Predigtbände, Barth-Studien und pointierten Beiträge zu theologischen und politischen Kontroversen bis zu den vielen Bänden seiner „Theologischen Erörterungen“. Da Gottes Gnade und Treue jeden Morgen ganz frisch und neu sind, braucht der Mensch sich nicht um Gott zu sorgen, sondern kann sich ganz auf das einlassen, was er seinen Nächsten und der Welt schuldet.

          In den letzten Jahren war Jüngel durch Unfälle und Krankheiten zunehmend beeinträchtigt. „Das muss man tapfer ertragen“, sagte er immer wieder. Dass wir mitten im Leben im Tod sind, wusste er, mit Luther aber auch, dass mitten im Tod das Leben kommt. Die letzten Monate verbrachte er in einem Pflegeheim, unfähig, das Bett zu verlassen. Nur seine Gedanken konnte er noch nach draußen wandern lassen. Das sei gefährlich, meinte er, denn manchmal kämen sie nicht mehr zurück. Am Dienstag dieser Woche ist er seinen Gedanken gefolgt und jetzt dort, worauf er hoffte: im Leben, das sich mitten im Tod ereignet.

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