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Eberhard Jüngel gestorben : Um Gott braucht der Mensch sich nicht zu sorgen

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Generationen von Studenten prägte er durch seine Theologie. In deren Zentrum stand Gottes Kommen, das Menschen zur Freiheit befreit und zur Wahrheit befähigt. Ohne Gottes Advent gäbe es keinen Glauben, hätten Christen nichts zu sagen, könnte christliche Theologie nichts Wahres denken. Der gängigen Meinung, unter den Bedingungen der Moderne sei zuerst die anthropologische Relevanz des Gottesgedankens zu erweisen, ehe man von Gott verantwortlich reden könne, hat er stets widersprochen. Gott ist nicht notwendig, sondern mehr als notwendig.

Eine Erfahrung mit allen Erfahrungen

Er ist um seiner selbst willen interessant, nicht weil er zur Lösung anderer Probleme gebraucht wird. Nicht unsere Mängel und Bedürfnisse definieren, was Gott ist, sondern die Möglichkeiten und Neuanfänge, die sein Kommen eröffnet. Auch Jüngel denkt vom Menschen aus, aber er versteht den Menschen ganz von dem her, was Gott an ihm wirkt und aus ihm macht. Gottes Kommen ist durch nichts bedingt, sondern reiner Überschuss seiner Liebe. Wo die sich ereignet, tritt keine weitere Erfahrung neben andere, sondern es kommt zu einer Erfahrung mit allen Erfahrungen. Alles rückt damit in ein neues Licht.

Nachdrücklich hat Jüngel Theologie und Kirche daher immer wieder daran erinnert, dass sie der Welt nichts anderes zu bieten haben als den Hinweis auf Gottes Advent durch Wort und Tat. Sie können Gottes Kommen nicht befördern, sie können es nur bezeugen. Gott kommt als Gott stets von sich, zu sich und durch sich selbst, genauso aber erschließt er seine Liebe als Geheimnis der Welt und erweist sich als menschenfreundlich.

Jüngels ganzes theologisches Oeuvre dreht sich um diese Einsicht, von den frühen Arbeiten „Paulus und Jesus“ und „Gottes Sein ist im Werden“ über sein Opus magnum „Gott als Geheimnis der Welt“, seine ökumenische Hauptschrift „Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens“, seine Predigtbände, Barth-Studien und pointierten Beiträge zu theologischen und politischen Kontroversen bis zu den vielen Bänden seiner „Theologischen Erörterungen“. Da Gottes Gnade und Treue jeden Morgen ganz frisch und neu sind, braucht der Mensch sich nicht um Gott zu sorgen, sondern kann sich ganz auf das einlassen, was er seinen Nächsten und der Welt schuldet.

In den letzten Jahren war Jüngel durch Unfälle und Krankheiten zunehmend beeinträchtigt. „Das muss man tapfer ertragen“, sagte er immer wieder. Dass wir mitten im Leben im Tod sind, wusste er, mit Luther aber auch, dass mitten im Tod das Leben kommt. Die letzten Monate verbrachte er in einem Pflegeheim, unfähig, das Bett zu verlassen. Nur seine Gedanken konnte er noch nach draußen wandern lassen. Das sei gefährlich, meinte er, denn manchmal kämen sie nicht mehr zurück. Am Dienstag dieser Woche ist er seinen Gedanken gefolgt und jetzt dort, worauf er hoffte: im Leben, das sich mitten im Tod ereignet.

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