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Zum Tod des Schriftstellers Chinua Achebe : Die Ungeheuer am Scheideweg

  • Aktualisiert am

Chinua Achebe 1930 - 2013 Bild: AFP

Er machte die Umbrüche des postkolonialen Afrika zu großer Literatur: Der afrikanische Schriftsteller Chinua Achebe ist im Alter von 82 Jahren gestorben.

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          Den Literaturnobelpreis hat er nun nicht mehr bekommen, auch wenn er über Jahre und Jahrzehnte immer wieder als höchst verdienter Kandidat genannt wurde. Sämtliche sonstigen Preise jedoch, die ein Autor je erhalten mag, sind ihm verliehen worden, wie 2002 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels oder 2007 der Man Booker International Prize. Lediglich die öffentlichen Ehrungen seines Heimatlands Nigeria, das ihn unter wechselnden, doch gleichbleibend korrupt agierenden Regimen mehrfach zum Nationalhelden küren wollte, hat er regelmäßig abgelehnt und sich damit erst recht zum Helden einer kritischen Öffentlichkeit gemacht. Denn wozu braucht ein Schriftsteller noch Orden oder Preise, wenn er Leser hat?

          Und Leser hat und hatte Chinua Achebe - weltweit und mittlerweile seit drei Generationen. Auf zehn Millionen Exemplare in rund fünfzig Sprachen bringt es allein der Debütroman „Things Fall Apart“ von 1958, im vergangenen Herbst in neuer deutscher Übersetzung unter dem Titel „Alles stürzt“ erschienen, ein Welterfolg und Gründungstext, ohne den seither kein Gespräch über die epochalen Umbrüche des zwanzigsten Jahrhunderts in Afrika auskommt.

          Hier wird nicht nur, am Beispiel einer Dorfgemeinschaft des Stammes der Igbo um 1900, zur Zeit der beginnenden Kolonisierung, ungemein subtil erzählt, wie Kulturen in Kontakt und Konflikt geraten, wie Traditionen sich verflechten und zersetzen und sich dabei notwendig verändern. In Achebes Werk wird diese Veränderung auch selbst vollzogen, für den Leser direkt erfahrbar im Prozess des Erzählens und in Achebes Suche nach der angemessenen Sprache, die solche Erfahrung überhaupt begreifbar machen kann. Auch deshalb ist Achebe ein großer Autor der Moderne, weil ihm das Medium seiner Arbeit, der Sprache, niemals selbstverständlich war.

          Als „Vater der afrikanischen Literatur“ und „Stimme eines Kontinents“ wird er jetzt in vielen Nachrufen geehrt. So zutreffend diese Beschreibungen gewiss sind, man darf doch nie vergessen, wie kritisch er sich stets in seinem Werk - fünf Romanen, zahlreiche Erzählungen, Kindergeschichten, Gedichten, Essays und Reden - mit Vaterfiguren und Stimmgebern auseinandergesetzt hat. Geboren 1930 im südnigerianischen Ogidi als Sohn früher christlicher Konvertiten, aufgewachsen in der verzauberten Hoffnungszeit des postkolonialen Aufbruchs, bewegte er sich lebenslang in einem Spannungsfeld von Sprachen, Stimmen, Religionen und Kulturen, das jedes einfache Modell von Autorität in Frage stellen musste.

          Erst letztes Jahr erschien „There Was a Country“, ein Memoirenband über sein Engagement im Biafrakrieg vor fast fünfzig Jahren, der mit einer großen autobiographischen Ouvertüre einsetzt. Darin heißt es: „Scheidewege hegen machtvolle Gefahren. Wer dort zur Welt kommt, muss mit vielköpfigen Ungeheuern kämpfen und seinen Leuten mit prophetischen Visionen kommen oder aber muss, wie ich, sich damit abfinden, was für unergründliche Rätsel das Leben eben birgt.“

          Aus dieser Überzeugung gewann er seine schöpferische Kraft und gestaltete die Lebensrätsel, ohne je der Verlockung durch falsche Propheten nachzugeben - so leidenschaftlich wie nüchtern in seinen Geschichten, so abwägend wie engagiert im Urteil. Am vergangenen Freitag ist Chinua Achebe, der skeptische Humanist und poetische Realist von Weltrang, im Alter von 82 Jahren in Boston gestorben.

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