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Zum Tod des Satirikers Horst Tomayer : Letzte Fragen sind von nicht so großem Interesse

  • -Aktualisiert am

Satiresichtig: Horst Tomayer (1938-2013) Bild: action press

Horst Tomayer brachte das Publikum gerne zum Sprechen - was er hörte, verwendete er weiter und schuf ein präzises Bild des Zeitgeistes. Auch seine wunderbar aufrüttelnden Knittelverse werden uns fehlen.

          Fahrradfahrer, Fernsehschauspieler, Verfasser des „ehrlichen Tagebuchs“ im Monatsmagazin „Konkret“ und Videoblogger – der Satiriker und Schriftsteller Horst Tomayer spielte in seinem Leben viele Rollen (auf vielen Rädern). Und er spielte sie mit großer Leidenschaft und kernig bayrischem Akzent fast überall – ob er auf der Hamburger Köhlbrandbrücke oder der alten Transitstrecke durch die DDR nach West-Berlin radelte, in der Pommesbude mit dänischen Marathonläufern Englisch wie ein deutscher Schaffner sprach oder auf einer kleinen Bühne allein oder im „sehr gemischten Doppel“ mit Hermann L. Gremliza Texte rezitierte.

          Allerdings wollte Tomayer nicht einfach ein sonst stummes Publikum zum Applaudieren motivieren, er wollte es immer lieber zum Sprechen bringen; was er dann hörte, verwendete er gerne als Material in seinen Texten weiter, die mehr Aufschluss über Zeitgeist und gesellschaftliche Stimmungen gaben als soziologische Studien oder mancher langatmige Roman.

          Legendär sind Tomayers „deutsche Gespräche“

          Legendär sind auch Tomayers in den achtziger Jahren für „Konkret“ geführte „deutsche Gespräche“, in denen er prominente und nicht ganz so prominente, dafür aber selbstbewusste Zeitgenossen anrief und seiner Leser- und Hörerschaft in ihrer biederen Alltäglichkeit präsentierte. Beispielsweise fragte er als Kohls Kanzleramtsminister Waldemar Schreckenberger beim Verfasser von Arzt-, Liebes- und Kriegsromanen Heinz G. Konsalik an, ob der nicht künftig Kohls Reden schreiben wolle.

          Konsalik fühlte sich geschmeichelt, sagte seine Mitarbeit zu und wollte sich schnellstmöglich direkt mit dem Kanzler treffen: „Ja, zu Wahlreden und für solche Sachen, da kann ich Herrn Dr. Kohl sehr gut beraten. Denn da habe ich den Ton, den das Volk versteht. Denn seh’n Se meine ungeheuren Auflagen, ich habe jetzt siebenundfünfzig Millionen Auflage.“

          Er streifte nur gelegentlich die letzten Fragen

          Der 1938 in der nordwestböhmischen, heute zu Tschechien gehörenden Stadt Asch geborene Tomayer, der den Kriegsdienst verweigert und Versicherungskaufmann gelernt hatte, verfasste auch wunderbar aufrüttelnde Knittelverse. Zum Beispiel in seiner oft zitierten „Fahrraddiebhalsgerichtsordnung“: „Und wisse nun: Die Tage sind gezählt und bald schon schlägt die Stund, Hund, Dir, fällst in die Häscherhände Du dem Fahrraddiebhalsrachebund.“

          Die „Titanic“ kommentierte: „Wer so exzellent dichtet, der hat in Deutschland sein angeborenes Recht auf hochdotierte Literaturpreise verwirkt.“ Tomayer hat in seinen Texten auch gelegentlich die letzten Fragen, wenn auch eher knapp, gestreift. In seinem Buch „German Poems“, zu dem Ernst Kahl Zeichnungen beigesteuert hat, schrieb er in Folge 537: „Eines wird mir suspekt bleiben, wie das Leben nach dem Tod – das Gummibärchenfressen.“

          „Kein Wiedersehn nach dem letzten Schnaufer“

          Vor allem aber gibt sein 1989 verfasster Nachruf auf den Kabarettisten Wolfgang Neuss, für den Tomayer in den frühen sechziger Jahren gearbeitet hatte, Aufschluss über seine recht nüchterne Sicht auf das Ende des Lebens. „Schade, dass Wolfgang weg ist, aber wir guten Menschen westlich von Sezuan müssen ja alle einmal weg. Und es gibt, Wahrnehmungstechnik hin, Einbildung her, kein Wiedersehn nach dem letzten Schnaufer.“

          Es ist nicht überliefert, dass er diese Sicht in seinem Zimmer eines Hamburger Krankenhauses, wo er am Freitag gestorben ist, noch revidiert hat. Und wenn doch, dann werden wir es in der letzten Ausgabe seines seit dreißig Jahren veröffentlichten „ehrlichen Tagebuchs“ lesen, das die Redaktion von „Konkret“ dieses Mal selbst zusammenstellen konnte und musste.

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