https://www.faz.net/-gqz-7o9s1

Zum Tod des Religionskritikers Deschner : Richter Gnadenlos

Er wollte eine der größten Anklagen der Menschheitsgeschichte schreiben: Am Dienstag verstarb Karlheinz Deschner im Alter von 89 Jahren in Haßfurt. Bild: dpa

Er war einer der schärfsten Kritiker des Christentums und seiner Institutionen. Seine Arbeiten sind preisgekrönt und doch heftig umstritten. Nun ist Karlheinz Deschner im Alter von 89 Jahren verstorben.

          2 Min.

          Er hat sich gern immer größere Gegner gesucht. Aus einfachen Verhältnissen stammend, studierte der in Bamberg geborene Karlheinz Deschner nach dem Krieg, den er als begeisterter Fallschirmjäger verwundet überlebte, Germanistik, Philosophie und Geschichte in Würzburg.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Seine ersten Attacken galten denn auch den etablierten Autoren der Nachkriegszeit – Carossa, Gaiser, Hesse, Bergengruen –, die er 1957 mit dem Essay „Kitsch, Konvention und Kunst“ attackierte und an ihrer Stelle Broch, Jahnn und Musil empfahl. Später ging er auf die Gruppe 47 los, mutig und rechthaberisch auf die Großen, was ihm die Freundschaft von Hans Wollschläger und den Arno-Schmidt-Preis eintrug.

          Ähnlich wie Schmidt arbeitete sich Deschner krumm und bucklig, mehr als ein halbes Jahrhundert saß er bis zu vierzehn Stunden am Tag am Schreibtisch, hundert Stunden die Woche. Und obwohl seine Bücher hohe Auflagen erreichten, war er in späteren Jahren wieder auf die Unterstützung eines Mäzens angewiesen.

          Glühender Atheist mit vielen Gegnern

          Als Kind wollte er Priester werden, 1951 wurde er exkommuniziert, weil er eine geschiedene Frau geheiratet hatte. Da entdeckte er seine Berufung – und wurde Kirchenkritiker. 1962 erregte er mit dem Buch „Und abermals krähte der Hahn“ Aufsehen, die erste von vielen Besichtigungen der Leichenkeller der Religionsgeschichte. Dabei gab es für Deschner nur einen Feind – die katholische Kirche und ihre Führung in Rom.

          Er war bewusst einseitig, ein früher Vertreter der teilnehmenden Geschichtsschreibung, der den Nachweis führen wollte, wie häufig die Kirche in ihrer langen Geschichte über Leichen gegangen ist.

          An Selbstbewusstsein mangelte es ihm in seiner Schreibstube im unterfränkischen Haßfurt nie: Deschner hatte sich aufs Banner geschrieben, im Alleingang eine der größten Anklagen der Menschheitsgeschichte zu verfassen. Das brauchte seine Zeit. Nach mehr als fünfzehn Jahren Vorarbeit erschienen 1986 die ersten beiden Bände seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“, die Deschner im vergangen Jahr mit Band zehn altersbedingt einstellen musste, die Neuzeit hat er nicht mehr erreicht.

          An Gegnern mangelte es diesem Mann naturgemäß nie. Der prominente Kirchenkritiker Hans Küng hat Deschners Kriminalisierung der Kirche als nicht akzeptabel zurückgewiesen; Historiker attestierten ihm methodische Mängel und einseitige Literaturauswahl.

          In seiner Besessenheit hatte Deschner zuletzt durchaus tragische Züge. Glühender Atheist, der er war, hat er den Gedanken an eine Einäscherung stets verworfen: Er wolle wie seine Mutter „von Würmern zerfetzt“ werden, hat er in einem Interview verraten. Jetzt ist er im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben.

          Weitere Themen

          Wie aus Zwängen Zwingendes wird

          FAZ Plus Artikel: Nachverdichtung : Wie aus Zwängen Zwingendes wird

          In Rüsselsheim zeigen die städtische Wohnungsgesellschaft und ein Münchner Architektenbüro, dass Nachverdichtung unter erschwerten Bedingungen gelingen kann. Entstanden is eine Mischung aus südhessischer Herbheit und mediterraner Anmut.

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Duell der ewig Oscarnominierten

          „Hillbilly Elegy“ auf Netflix : Duell der ewig Oscarnominierten

          Die Verfilmung der „Hillbilly Elegy“ zeigt etwas überdramatisiert, dass der amerikanische Traum ein Monopoly-Spiel ist. Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Wer bekommt den nächsten Oscar, Amy Adams oder Glenn Close?

          Topmeldungen

          Hildburghausen in Thüringen

          Corona in Ostdeutschland : Hildburghausen schließt sich ein

          Lange gab es im Osten kaum Corona-Fälle, doch nun häufen sich dort die Infektionen. Ausgerechnet während des „Lockdown light“ steigen die Zahlen teils dramatisch. Einen Landkreis in Thüringen trifft die Pandemie besonders stark.
          Scheinbar kühlschranktauglich: der in Oxford entwickelte Corona-Impfstoff

          Anti-Corona-Serum aus Oxford : Haben die Briten den Impfstoff für alle?

          Es passt nicht in das britische Selbstverständnis, dass deutsche und amerikanische Forscher zuerst einen Impfstoff präsentiert haben. Also preist man im Königreich die Kühlschranktauglichkeit der Substanz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.