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Zum Tod des Regisseurs Ken Russell : Der Dämonteur im Drehlirium

  • -Aktualisiert am

Der britische Filmemacher und Opernregisseur Ken Russell hat die Zurückhaltung seiner Landsleute lebenslang provoziert. Jetzt ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.

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          Als in London einst Jack the Ripper umging, kursierten über seine Identität die skurrilsten Gerüchte, sogar die Behauptung: Der Frauenlustmörder könne nie und nimmer ein Engländer sein - nur Ausländer seien solcher Abscheulichkeiten fähig. Zudem sei der Engländer viel zu phlegmatisch, um sich zu solchen Exzessen hinreißen zu lassen. Die Insel ist puritanisch geprägt; man kann das heute noch erfahren: Disziplin, Dezenz, Gelassenheit gehören zum Ideal des Gentleman, keineswegs geringzuschätzen. Doch die Kehrseite solcher Noblesse ist die Exzentrik, das Faible fürs Absonderliche. Nicht zufällig ist England das klassische Land der Schauerromantik und Kriminalgroteske, des Horrors wie des sprichwörtlich schwarzen Humors. Die Moritaten-Drastik von Hogarth, das Music hall-Amüsement und die Blut und Spaß-Mixtur von „Punch and Judy“ standen immer schon fürs Vexierbild von tragisch und lustig, Chaos und Komik: Fantasy-Entertainment.

          Solch genuin britisches „blending“ hat auch einen Namen: Ken Russell. Kaum ein britischer Künstler hat die Rolle des enfant terrible so lustvoll ausgekostet, mit dem Entsetzen seinen Scherz getrieben wie er. Seine Filme waren Kassenerfolge, haben für Empörung gesorgt - und als Opernregisseur hat er es sogar bis in Allerheiligste der Wiener Staatsoper gebracht.

          Ken Russell und Twiggy beim Dreh von „Boyfriend“

          Ken Russell, 1927 in Southampton geboren, begann als Tänzer, Schauspieler und Fotograf - und konvertierte als Achtundzwanzigjähriger zum Katholizismus, an dem ihn „nicht das Religiöse, sondern die Kanalisierung“ reizte, also die Regeln, Rituale, ikonographischen Fixierungen, wenn man will: das Gesamtkunstwerk der Gegenreformation. In diesem Sinn kann man das Werk Russells durchaus „barock“ nennen, geprägt durch schier hybride Sinnenlust und ausgeprägten Artefakt-Charakter. Aufkündigung des ästhetischen Gesellschaftsvertrags ist sein - nicht selten blasphemisches - Grundgewerbe. Als Virtuose des Schauers ist er schon in den späten fünfziger Jahren aufgefallen, der erste Kinofilm, „French Dressing“, entstand 1964.

          Die Ingredienzien der Russell-Ästhetik, einem aufgepopten Surrealismus entsprungen, mögen ihr Historisches haben; daß sie ihren „Biß“ hatten, lag an auch politisch-gesellschaftskritischen Motiven. So machte sein BBC-Porträt über Richard Strauss Skandal, weil er ihn als größenwahnsinniges, sadomasochistisch-speichelleckerisches, Hitler die Füße küssendes, ihn Huckepack tragendes Monster vorführte: Rasch wurde der Film im Giftschrank versenkt. Vor allem das „No sex please, we are british“ hat es ihm angetan: als provozierender Umkehrschub im Verbund zumal von Musiker- und Triebleben. Diese Erotik hat stets auch mit Deformation zu tun, psychophysischen Außenseiterpositionen verschiedenster Art. Das kann der Buckel der Äbtissin in der Aldous Huxley-Verfilmung „The Devils“ (1970) sein, oder Tschaikowskis Genie, Homosexualität, gesellschaftliche Ächtung und aufgezwungen selbstgewählter Tod an der Cholera in „The Music Lovers“ (1970).

          Nicht zuletzt der künstliche Mensch war immer wieder Russells Thema: Seine Kreationen handeln von Kreaturen, die wie das Frankenstein-Monster in ein entmenschtes Getriebe geraten, zu dessen Bestandteil werden. Die Rock-Oper „Tommy“ (1974) von The Who hat er zum visionär überbordenden Spektakel über den schlechthin charismatischen synthetischen Superstar, Idol hysterisierter Pop-Massen-Manie, umgemünzt. Roger Daltrey, Pete Townshend, Eric Clapton und Tina Turner (als „Acid Queen“) machen „Tommy“ zusätzlich zur Kathedralenhölle der Rock-Ikonen. In „Lisztomania“ (1975) wird der Klaviervirtuose zum Sex-Superman, Ex-Beatle Ringo Starr darf gar den Papst spielen - und Jung-Siegfried alias Wagner durchtobt als Retortenmonster in Hitler-Maske mit Maschienenpistole durchs Getto. In „Mahler“ (1974) wird Cosima Wagner zur drallen NS-Brünnhilde, die den jüdischen Komponisten mit zum Hakenkreuz umgeschmiedeten Judenstern zwingt, Schweinefleisch zu essen, auf daß er als frisch Getaufter Wiener Hofoperndirektor werden kann.

          Die frivol-sarkastischen Züge der russell-Filme haben ihr Pendant in englischen Theaterstücken von John Osborne oder Edward Bond. Im Faible für spätestbarocke Künstlerwelten berührte sich Russell auch mit Peter Greenaway, freilich ohne dessen Faible für hermetischen Stil-Ästhetizismus und Zähl-Zwänge. Aber Homunculi waren Russells Helden letztlich alle; selbst wenn der Supertänzer Rudolf Nurejew den Stummfilmgott Valentino spielte, lief dies auf gleichsam doppelte Desillusionierung einer Kultfigur hinaus.

          Am suggestivsten thematisiert hat Russell die schwarzromantische Vision vom künstlichen Menschen in „Gothic“ (1986), der Entstehungsgeschichte des Frankenstein-Mythos im Umfeld von Mary Shelley: Urtopos der Moderne. Russells Film-Phantastik war in ihrer Hemmungslosigkeit auch dann oft packend, wenn die Effekt-Maschinerie nahe am Kitschabgrund leerlief.

          Was am Kino Derivat der ersten multimedialen Kunst, der Oper, war, hat ihn als Regisseur mehrfach zu ebendiesen Ursprüngen zurückgeführt, ähnlich wie Greenaway. Die Lust an der Tabuverletzung, an der Verwirr- und Schock-Ästhetik teilte Russellmit dem frühen Zadek, Neuenfels, Kresnik; der Aufsässigkeits-Gestus war gegen Verschleiß nicht gefeit. Aber Russell hat in seinem Sturmlauf wider das Wahre, Schöne, Gute erstaunlich lange durchgehalten. Am Sonntag ist er in London gestorben.

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