https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tod-des-regisseurs-hans-hollmann-sprengmeister-der-theaterszene-18140500.html

Hans Hollmann gestorben : Die Revolution nennt seinen Namen

Hans Hollmann (Aufnahme von 2008) Bild: dpa

Er war ein Sprengmeister der Theaterszene und 1989 mit „Dantons Tod“ pünktlich zur Stelle: Der Regisseur Hans Hollmann machte aus dem Theater einen Echoraum der Zeitgeschichte. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

          2 Min.

          Karl Kraus hielt seine Antikriegstragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ (1922) für unspielbar: Fünf Akte, 220 Szenen, fünfhundert Personen – das sprengt irdische Zeit- und Bühnenmaße. „Die Aufführung“, so notierte er, „ist einem Marstheater zugedacht.“ Bis zur Besiedelung des roten Planeten wollte Hans Hollmann nicht warten. 1974 brachte er eine gekürzte, doch immer noch siebenstündige und auf zwei Abende verteilte Fassung im als Wiener Caféhaus hergerichteten Foyer des Basler Theaters heraus: „In ihrer exzessiven Besessenheit wie in ihrem Overkill-Effekt treffen sich die Maßlosigkeit des Autors und des Regisseurs“, urteilte Georg Hensel im „Darmstädter Echo“.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Das Weltuntergangsdrama war das größte und riskanteste der vielen Abenteuer, in die sich der Regisseur Hollmann in seinem langen Theaterleben gestürzt hat. Im Repertoire war er epochenübergreifend bewandert, von Shakespeare und Goldoni über die deutsche Klassik, darunter „Faust I und II“ (1980 in Hamburg), sowie Schnitzler und Horvath bis zu Genet und Pinter, doch hat er die ausgetrampelten Pfade immer wieder verlassen und sich in die Büsche des Unbekannten, auch Unverstandenen geschlagen. So erinnerte er mit „Komödie der Eitelkeit“ (1978 in Basel) und „Die Befristeten“ (1983 in Stuttgart) daran, dass Elias Canetti über „Hochzeit“ hinaus ein Dramatiker ist. Auch mit den Stücken des exzentrischen Surrealisten Raymond Roussel trotzte er der Konvention: 1977 wagte er sich an „Der Stern auf der Stirn“ in Basel, 1981 an „Sonnenstaub“ in Berlin. Und wie war das mit Fritz von Herzmanovsky-Orlando und seinem Stück – es heißt wirklich so! – „Baby Wallenstein oder Prinz Hamlet der Osterhase oder ‚Selawie‘“? Holder Schwachsinn, Albernheit von Adel, Brauselimonade, die Lauseprimonade wird und 1984 bei der Uraufführung in Zürich als Theater perlte und mit Dauergelächter goutiert wurde.

          Theater als Echoraum der Zeitgeschichte

          Der Regisseur, der ursprünglich Dirigent werden wollte, hatte ein Ohr für die Musik der Texte, das machte seinen szenischen Zugriff wortgenau, streng, oft steil. Die Stilisierungen ließen auch spröde und sperrige Vorlagen Form und Halt gewinnen: So „Clara S.“, das zweite Stück von Elfriede Jelinek, mit dessen Uraufführung (1982 in Bonn) er die Autorin in ihrer schwierigen Liebe zum Theater ermutigte, oder auch den furiosen Erstling von Rainald Goetz, „Krieg“ (1987 ebenfalls in Bonn), den er zur düsteren Revue aufdonnerte.

          Am stärksten blieb die Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ in Erinnerung, die Hollmann kurz nach dem 9. November 1989 herausbrachte. Was sich in Leipzig auf der Straße ereignete, hallte in Düsseldorf auf der Bühne nach. Das Schauspielhaus wurde zum Echoraum der Zeitgeschichte: Nicht indem sie abgebildet, sondern indem die Emotionen und Triebkräfte ihrer Akteure heraufgeholt wurden. Das Wort des Jahres stand auch im Drama: „Wir sind das Volk!“ Auf der Szene war es fast durchgehend präsent: als Subjekt der Geschichte. Ein historischer Glücksfall. Und ein künstlerischer. Großstädtisches Theater, bildmächtig und bewegend.

          Als Sohn eines Musiklehrers und Hofrats 1933 in Graz geboren, war Hans Hollmann mit dreiundzwanzig Doktor jur. und mit fünfundzwanzig Diplom-Schauspieler. Nach zehn Gesellenjahren am Wiener Theater in der Josefstadt war er seit 1968, auch in der Oper, als freier Regisseur unterwegs; von 1992 bis 2006 hatte er eine Professur für Regie in Frankfurt inne. Nur noch einmal, von 1975 bis 1978, ging er als Direktor des Basler Theaters ein festes Engagement ein. In Basel ist Hans Hollmann am Sonntag im Alter von 89 Jahren gestorben.

          Weitere Themen

          Der Schöne ist das Biest

          Oliver Sim von The xx : Der Schöne ist das Biest

          Auf seinem Solo-Debüt zeigt sich der britische Musiker Oliver Sim von The xx, wie man ihn noch nicht erlebt hat: verspielt, sarkastisch, persönlich.

          Topmeldungen

          Chefin der Fratelli d’Italia, Giorgia Meloni

          Hochrechnungen : Rechtsbündnis um Meloni steht vor Wahlsieg in Italien

          Jubeln kann vor allem die Partei Fratelli d’Italia um Giorgia Meloni, die laut ersten Prognosen mit Abstand stärkste Kraft geworden ist. Meloni dürfte damit die künftige Regierung als erste Ministerpräsidentin Italiens anführen.
          Droht dem Westen: Der russische Präsident Wladimir Putin am 21. September 2022

          Putins neue Drohungen : Szenarien für den nuklearen Ernstfall

          Putin hat schon früher mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht. Diesmal sagt er, er bluffe nicht. Washington hat dafür Szenarien ausgearbeitet und Moskau gewarnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.