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Zum Tod von Jens Halfwassen : Spuren des Absoluten

  • -Aktualisiert am

Jens Halfwassen ist in Heidelberg im Alter von einundsechzig Jahren gestorben. Bild: Universität Heidelberg

Er verkörperte das Ideal des enzyklopädischen Philosophen: Ein kritischer Beobachter, ein sorgfältiger Lehrer und Professor. Jetzt ist Jens Halfwassen gestorben.

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          Wir haben einen der wichtigsten Metaphysiker und Gelehrten verloren. Jens Halfwassen hat sein Leben der Frage gewidmet, welche „Vollendungsgestalt“ eine Philosophie haben muss: Gelingt es, die mit Hegel gesetzte Version einer immanenten Geistmetaphysik auf eine Einheit hin zu überschreiten, die Geist und Selbstbewusstsein erst begründet? Kurzum: Jens Halfwassen war ein Denker des Absoluten, der um die damit verbundenen Paradoxien und begrifflichen Härten wusste. Ausgangspunkt seines Denkens war die Rekonstruktion der großen metaphysischen Gebäude der antiken Philosophie und des Deutschen Idealismus, die er in unübertroffener Klarheit darzustellen wusste.

          1958 in Bergisch Gladbach geboren, schloss er sein Studium an der Universität Köln 1989 mit einer Promotion zu Platon und Plotin ab. Die philosophische Richtung, die sich hier schon im Titel „Der Aufstieg zum Einen“ anzeigte, setzte seine Habilitation über Hegel und den Neuplatonismus fort. Seit 1999 war er Ordinarius für Philosophie an der Universität Heidelberg, wo er unter anderem die Gadamer-Professur begründete und die Karl-Jaspers-Forschungsstelle leitete.

          Jens Halfwassen hat stets eine idealistische Lesart der antiken Metaphysik verteidigt. Das materiell-energetische Universum, zu dem wir durch unsere Sinne Zugang haben, hielt er für eine Manifestation von Prozessen, die dem Universum metaphysisch vorausliegen. Ausgangspunkt dieser These war die Selbsterforschung unserer eigenen Geistigkeit, die uns, wie er analysierte, auf einen Einheitsgrund führt, der Subjektivität und Objektivität gleichermaßen überschreitet.

          Der Geist auf Ebene der Quanten

          In den letzten Jahren seines Lebens hat er sich in engem Austausch mit Heidelberger Quantentheoretikern zunehmend damit befasst, wie der Geist und das ihn überschreitende Absolute auf der Ebene der Quanten seine Spuren im materiell-energetischen System des Universums einzeichnet. Die partielle Unbestimmtheit von Quantenobjekten und die Rolle, die Geist und Subjektivität in einigen gegenwärtigen Deutungen der Quantenmechanik spielen, las er mit guten Gründen als Hinweis darauf, dass es mit dem naiven metaphysischen Naturalismus unserer Tage theoretisch nicht weit her ist: Wirklichkeit kann nicht auf jene Außenwelt reduziert werden, die sich uns in der Form der sinnlichen Wahrnehmung vorstellt.

          Diese idealistische Grundüberzeugung gelangt heute nicht nur in der Philosophie, sondern auch in anderen Bereichen der Geistes- und Naturwissenschaft zu neuer Aktualität. Man wird sagen müssen: Halfwassen und die Traditionen, auf die er sich stützt, waren vor uns da.

          Kein zufälliger Vorsprung: Halfwassen dachte aus einem Fundus, der weit über die abendländische Metaphysik hinausreicht. Zu seinen engsten Gesprächspartnern gehörten der Ägyptologe Jan Assmann, der Theologe Christoph Markschies, der Sinologe Rudolf Wagner und der Kunsthistoriker Lothar Ledderose. In gemeinsamen Seminaren bemühte er sich um den Nachweis, dass die Grundmotive der abendländischen Metaphysik in Wahrheit universal und keineswegs auf die Verlaufsform beschränkt sind, die der westlichen Kultur vertraut ist. Auch hier war seine Arbeit bahnbrechend. Dem Irrtum von einer westlichen Säkularisierung und naturalistischen Überwindung der Metaphysik ist er nie aufgesessen.

          Jens Halfwassen verkörperte das Ideal des enzyklopädischen Philosophen. Wie es sich für einen Platoniker gehört, war er auch ein herausragender Lehrer. Mit großer Sorgfalt führte er seine Schüler in die von ihm als denkerische Wertegemeinschaft aufgefasste Universität ein. Seine Rolle als Professor verstand er nach dem Modell der Platonischen Akademie und nicht als Ausbilder an der Massenuniversität. Für ihn war der Ehrendoktor der Universität Athen, den er 2014 für seine Verdienste um die Erforschung der Antike erhielt, eine der passendsten seiner vielen akademischen Ehren. Zugleich war er ein kritischer Beobachter der von der Wachstumphilosophie getriebenen Bildungspolitik, gegen die er unter anderem in dieser Zeitung ein ums andere Mal energisch intervenierte.

          Zuletzt sprachen wir viel über das Hauptthema Platons: Unsterblichkeit. Wenn er recht hatte, sehen wir uns wieder, doch dann mit anderen Augen. Am vergangenen Samstag ist Jens Halfwassen in Heidelberg im Alter von einundsechzig Jahren gestorben.

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