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Zum Tod Friedmar Apels : Ein Wahlverwandter der Romantiker

Sein Interesse galt eher Übergängen als Grenzen: Friedmar Apel Bild: Isolde Ohlbaum

Ohne, dass man seinen Texten eine Anstrengung angesehen hätte: Der Literaturwissenschaftler Friedmar Apel war ein rastloser Schreiber und mutiger Mensch. Jetzt ist er im Alter von siebzig Jahren gestorben.

          Natürlich kann man Visionäre einfach zum Arzt schicken. Friedmar Apel zog es vor, sie zu beobachten, mit Interesse und Sympathie und dennoch klarem Blick. Eines seiner schönsten Bücher, es heißt „Himmelssehnsucht“, erzählt nicht nur von Künstlern der Romantik wie des zwanzigsten Jahrhunderts, die Engel in Wort und Bild dargestellt haben, es analysiert auch das jeweilige Verfahren und fragt nach dem Besonderen im künstlerischen Ergebnis.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Boten hat Apel immer wieder beobachtet, mit seltener Tiefenschärfe und immer vom Drang getrieben, die Vermittler zu verstehen: Was genau macht der moderne Autor, der seinen Stoff aus der Vergangenheit bezieht und ihn für die Zeitgenossen aufbereitet? Wie diskutieren die Romantiker, welche Brücken in die übrigen Welt bauen sie, welche reißen sie ein? Auf welchem Pfad bewegt sich ein Übersetzer, und verstehen diejenigen, die ihn kritisieren, überhaupt seinen besonderen Weg? Dass sein Interesse eher den Übergängen als den Grenzen galt, zeigt der Blick auf das reiche literaturwissenschaftliche Werk des Komparatisten, der in Bielefeld lehrte.

          Liebe zur Freiheit

          Es besitzt ein Zentrum im Nachdenken über die Romantiker – Texte zu deren Kunstverständnis hat Apel im Deutschen Klassiker Verlag (DKV) ediert und hervorragend kommentiert – und offenbart durchaus eine Wahlverwandtschaft zwischen dem Literaturwissenschaftler und seinem Gegenstand, wenn es um die Liebe zur Freiheit, zur Grenzüberschreitung, zur Reise ins Blaue geht.

          Friedmar Apel, geboren 1948 in Osterode, hat lange in West-Berlin gelebt und dieser Zeit einen hinreißenden kleinen Schlüsselroman gewidmet („Nanettes Gedächtnis“, 2009). Er arbeitete, so scheint es, rastlos, aber ohne dass man seinen Texten eine Anstrengung ansähe. Er schuf ein Standardwerk zur Theorie des literarischen Übersetzens und widmete sich dem Kunstmärchen in einer Reihe von klugen Essays und Editionen, zugleich wirkte er an der monumentalen Goethe-Ausgabe wiederum des DKV mit. Nicht zufällig fiel der Band mit Goethes Übersetzungen in Apels Bereich.

          Gelehrsamkeit war ihm fremd

          Gelehrt war er zweifellos, aber Gelehrsamkeit war ihm fremd, und seine reichen Kenntnisse setzte er diskret, aber ausgesprochen effizient ein, wenn er seine Rezensionen für diese Zeitung schrieb. Oft bewies er ein meisterliches Gespür für Dramaturgie, so dass er mit den ersten Sätzen den Leser für den Gegenstand der Rezension derart interessierte, dass an ein Unterbrechen der Lektüre nicht zu denken war. Wenn einer wie Apel etwa lässig die Entwicklung des Briefeschreibens über Klassik, Romantik und Realismus in wenigen, gleichwohl treffenden Worten skizziert, dann will man auch wissen, wie er das auf die Korrespondenz von Vladimir und Véra Nabokov anwendet – enttäuscht wird man jedenfalls nicht.

          Als Rezensent zeigte sich Apel in staunenswerter Weise umfassend interessiert, und sein Verfahren, dem Gegenstand und den Absichten des Urhebers zunächst möglichst nahe zu kommen, bevor das ästhetische Urteil gefällt wird, trug schöne Früchte. Leicht machte er es sich nicht, dem besprochenen Werk auch nicht, und es war nicht seine Art, am Ende einer Rezension einfach den Daumen zu heben oder zu senken, weil in seinen ausführlichen Begründungen immer Raum für Zwischentöne war, für Freude am Werk ebenso wie für treffsicheren Spott.

          Wenn er etwa in einem modernen Roman die Konstruktion „nicht recht stimmig“ fand, vergaß er darüber nicht die Kehrseite, nämlich den „schönen Mutwillen“ des Buches, das zudem „die Tradition der Sprache und der Literatur als eine Quelle der Lebensenergie“ feiere – keine Frage, was für den Rezensenten schwerer wog: das bisschen Knirschen oder das ernste Spiel auf der literaturästhetisch grundierten Leinwand.

          Er war mutig und klug, er verband herzgewinnende Freundlichkeit im persönlichen Umgang mit der größten Präzision im Argument, und dass er sehr fehlen wird, den Mitarbeitern dieser Zeitung wie ihren Lesern und weit über diesen Kreis hinaus, ist gewiss. Am vergangenen Sonntag ist Friedmar Apel gestorben.

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