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Zum Tod von Hans Zender : Komponist der neuen Musik

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Hans Zender (1936-2019), als Dirigent in den achtziger Jahren. Bild: INTERFOTO

Er konnte so schön wie einsichtsvoll über Musik schreiben. Er hat Franz Schuberts „Winterreise“ neu gedeutet und der zeitgenössischen Musik einen Platz im Repertoire der Orchester erstritten. Jetzt ist der Komponist, Dirigent und Philosoph Hans Zender mit 82 Jahren gestorben.

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          Hans Zender gehört zu den Letzten der Generation von Komponisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Aufbau einer neuen Musik vorantrieben. Moderne und Tradition waren die zwei Stränge, die seine künstlerische Laufbahn bestimmten, musikalische Praxis, Komposition und das Nachdenken über die Musik waren die Grundzüge seiner unermüdlichen geistigen Aktivität, die trotz zunehmender körperlicher Hinfälligkeit noch bis wenige Tage vor seinem Tod anhielt.

          Schon als Dreizehnjähriger konnte er in Wiesbaden, wo er 1936 geboren wurde, bei den Maifestspielen die großen Dirigenten wie Carl Schuricht, den langjährigen Chef des Orchesters, Karl Böhm oder Günter Wand hören und die Proben besuchen. Er lernte Furtwängler und Edwin Fischer kennen, nahm Klavier- und Orgelunterricht. Gleichzeitig kam er in Kontakt mit der zeitgenössischen Musik, die nach dreizehn Jahren Nationalsozialismus den Nimbus des aufregend Neuen hatte.

          Schon von 1949 an pilgerte er jährlich zu den Ferienkursen nach Darmstadt, wo er die für seine spätere künstlerische Entwicklung wichtigen Strömungen und Namen an der Quelle studieren konnte: die Schönbergschule, die Musik von Olivier Messiaen, die uneuropäisch fremde Welt von John Cage. Die musikalische Praxis, verbunden mit der Reflexion der menschlichen Grundbedingungen des Musikmachens, interessierte ihn mehr als alle Theorien. Er absolvierte eine Ausbildung als Konzertpianist bei Edith Picht-Axenfeld und fand in deren Mann, dem Heidegger-Schüler Georg Picht, einen Geistesverwandten, der ihn mit den griechischen Philosophen vertraut machte.

          In der November-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Karen Krüger über ein frühes Buch von Elif Shafak, Dietmar Dath über ein neues von Philip Ording und Kai Spanke über Campinos „Hope Street“

          Zum Podcast

          In der breiten Öffentlichkeit ist Hans Zender vor allem als Dirigent wahrgenommen worden. Nach seiner Ausbildung in Frankfurt und Kompositionsstudien bei Wolfgang Fortner in Freiburg wurde er mit 27 Jahren in Bonn der jüngste Chefdirigent an einem Opernhaus. Weitere Verpflichtungen folgten in Kiel, beim Saarländischen Rundfunk, als Gastdirigent bei der Oper in Brüssel und beim SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. An all diesen Orten, auch als weltweit gefragter Gastdirigent, bemühte er sich konsequent um die Einbeziehung der zeitgenössischen Musik in das Repertoire, unzählige Uraufführungen sind ihm zu verdanken. Ohne seine hohe kompositorische Intelligenz, verbunden mit einem unbestechlichen Ohr und einem kritischen Sinn, der zwischen Alltagsware und Werken mit künstlerischer Substanz zu unterscheiden wusste, wäre das freilich nicht gegangen.

          Sein eigenes Schaffen umfasst Werke aller Gattungen, vom Bühnenwerk bis zu einer Vielfalt von Kammermusik. Besonders wirkungsmächtig wurde seine „komponierte Interpretation“ von Franz Schuberts „Winterreise“ für Tenor und Orchester, die inzwischen immer öfter auch szenisch zu erleben ist.

          Die Probleme der hörenden Wahrnehmung faszinierten ihn von da an bis ins hohe Alter, wovon zahllose Aufsätze und Vorträge und die Titel seiner Bücher zeugen: Die um die Frage der Wahrnehmung und ihre geistige Dimension kreisende Aufsatzsammlung „Denken hören – Hören denken. Musik als eine Grunderfahrung des Lebens“, der von Jörn-Peter Hiekel herausgegebene Band mit Schriften zur Musik „Die Sinne denken“, die Meditationen über Zen-Kalligraphien „Sehen Verstehen Sehen“ und, als philosophische Schlussbilanz, schon mit dem Blick des Abschiednehmenden, der vor zwei Wochen erschienene Essayband „Mehrstimmiges Denken“.

          In all diesen Texten dominiert die Sicht des aufmerksam hörenden, die Welt in ihrer Tiefe wahrnehmenden Musikers und Musikdenkers, für den sein Fach nie bloßes Handwerk, sondern stets Mittel der Erkenntnis und eine Brücke zum sprachlich nicht Erfassbaren war. Fast zwangsläufig musste er dabei auf Hölderlin stoßen. Fünfmal befasste er, der auch mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet wurde, sich zwischen 1979 und 2012 in seiner Werkreihe „Hölderlin lesen“ mit dessen Texten. In seinen weiten Horizont passte aber auch die Beschäftigung mit der fernöstlichen Philosophie und Musik, was sich auf seine eigenen Kompositionen in vielfacher Weise ausgewirkt hat, nicht zuletzt in der Arbeit mit mikrotonalen Systemen.

          In Meersburg am Bodensee, wo er schon als Kind die letzten zwei Kriegsjahre durchlebt hatte, verbrachte Hans Zender seine letzten Jahre im „Glaserhäusle“, hoch über den Weinbergen mit Blick in die Ferne – ein Kraftort, wo früher der Sprachphilosoph Fritz Mauthner wohnte, dessen Bücher Zenders eigene Bibliothek ergänzten, und wo er die alte Tradition, der Gastfreundschaft mit Menschen aus allen kulturellen Bereichen weiterführte. Es war ein Treffpunkt der wachen Geister, von denen Hans Zender der wachste war. Dort ist er nun, wie seine Frau Gertrud mitgeteilt hat, in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 82 Jahren gestorben.

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