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Zum Tod von Marc Riboud : Die verstörende Leichtigkeit des Wagemuts

Ein sanfter Kritiker: Magnum-Fotograf Marc Riboud. Bild: AFP

Mit dem gebrauchten Landrover nach Osten, und dann einmal um die Welt: Der französische Reportagefotograf Marc Riboud ist gestorben.

          2 Min.

          Es gibt ein Bild von Marc Riboud, das man nie vergisst: Ein Malermeister balanciert ungesichert in luftiger Höhe auf einer der äußeren Streben des Eiffelturms, lässig eine Zigarette im Mund, keck den Pinsel mit der Rostschutzfarbe schwingend, fast tänzerisch in seiner anmutigen Bewegung. Aufgenommen ist es 1953. Als Henri Cartier-Bresson und Robert Capa die Aufnahme in der Illustrierten „Life“ entdecken, holen sie Riboud in das Team ihrer renommierten Agentur Magnum. Riboud ist dreißig Jahre alt, er hatte damals überhaupt erst zu fotografieren begonnen. Dem Weißbinder war er während eines Ausflugs nach Paris ganz zufällig begegnet.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Leichten Herzen gibt er seine Stelle als Ingenieur in einer Fabrik in Lyon auf, um fortan danach zu suchen, was die Welt in ihrem Innern zusammenhält. Mit einem gebrauchten Landrover macht er sich für Magnum auf in Richtung Osten, monatelang: Afghanistan und Indien sind erste Stationen, dann folgt China, das zu der Zeit kaum ein Ausländer betreten darf und dem Riboud im Laufe von Jahren etliche Bücher widmet. Sie vor allem machen ihn berühmt.

          Mit diesem Bild machte der junge Fotograf die renommierte Agentur auf sich aufmerksam: Ein Anstreicher am Eiffelturm.
          Mit diesem Bild machte der junge Fotograf die renommierte Agentur auf sich aufmerksam: Ein Anstreicher am Eiffelturm. : Bild: ©Marc Riboud / Magnum Photos

          Anfangs noch hält er das Land für eine Option zu jenen Gesellschaften, in denen sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Als der Terror der Kulturrevolution nicht mehr zu übersehen ist, stellt er sich auf die Seite der ausgebeuteten und betrogenen Arbeiter und Bauern, wie er sich überhaupt zeitlebens zu den sogenannten kleinen Leuten hingezogen fühlt. Mit Empathie beobachtet er deren Alltag auf der Straße, stets von dem Willen getrieben, freundliche Szenen in vollendete, wenngleich mitunter äußerst komplexe Kompositionen zu gießen.

          Er begnügte sich mit sanfter Kritik

          Nie formuliert Riboud in seinen Aufnahmen kämpferische Appelle, wie er auch nie Momente von Gewalt zeigt. Die Betrachter von Bildern, philosophierte er bei Gelegenheit, ließen sich zu nichts überreden, weshalb er auch nicht an eine weltverbessernde Wirkung der Fotografie glauben kann.

          Selbst dort, wo die Übel offenkundig werden, begnügt er sich mit sanfter Kritik, etwa auf einer viel publizierten Aufnahme aus Ghana, auf der vier schwarze Träger buchstäblich ihre Last mit einem Weißen haben, der sich mit selbstgefälliger Miene auf einer Sänfte über das Wasser tragen lässt. Oder im Bild der chinesischen Fabrikarbeiter, deren Mittagspause so kurz ist, dass ihnen keine Zeit bleibt, die Schweißerbrillen vom Gesicht zu nehmen.

          Ausstellung seiner Kuba-Fotos am Tag seines Todes beim Fotofestival in Perpignan.
          Ausstellung seiner Kuba-Fotos am Tag seines Todes beim Fotofestival in Perpignan. : Bild: AFP

          Er blieb ein Erzähler, zu einer Zeit, als Magazine noch Raum hatten für ausufernde Bildgeschichten – und ein Publikum, das sie gierig aufnahm. Die Welt, sagte Riboud, betrachte er durch seine Augen, und die seien mit seinem Herzen, nicht seinem Gehirn verbunden. Immer sind seine Bilder geprägt von einer verzaubernden Poesie. Und so fotografierte er 1967 während einer Demonstration vor dem Pentagon den Augenblick, in dem eine junge Vietnamkriegsgegnerin den nach vorne gestreckten Bajonetten Hunderter von Militärs ein zartes Blümlein entgegenhielt.

          Vielleicht ist es das, was ihn stets am meisten faszinierte: Wagemut, der sich mit geradezu verstörender Leichtigkeit präsentiert. Wenn es so war, machte es die Haltung des Malers auf dem Eiffelturm gleichsam zu seinem Programm – und das Bild zu einer Art Selbstporträt. Jetzt ist Marc Riboud im Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben.

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