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Robert Frank : Der Ford, der Tod und die Pappeln

Ein Werk, das sich aus Tristesse speist: Robert Frank 1984 in New York. Bild: Getty

Zwischenmenschliche Kälte trieb ihn an, und er fand eine rauhe, eigensinnige Bildsprache dafür: Zum Tod des Fotografen Robert Frank.

          Es war nicht schwer, Robert Franks Haus zu finden. Eine alte Fischerkate direkt an der Küste, nahe dem Hafen. Die Adresse steht an Stelle eines Titels unter fast allen Fotografien, die er dort aufgenommen hat, vom Haus, vom Garten, vom Blick aufs Meer: Mabou, Nova Scotia. Das genügt. Der Ort ist klein, und der Telegrafenmast, der auf etlichen seiner Fotografien in den Himmel ragt, steht heraus wie ein Hinweispfosten: Hier ist es!

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Doch weil an diesem Tag die Sonne schien, erinnerte nichts an Frank oder seine Bilder. Die Bucht, der Mast, das Gatter – alles war da, doch unter dem hellblau lächelnden Firmament wirkte die Szenerie wie ein Idyll. Die Pappeln keineswegs ruppig, sondern dezent gesetzte Bäumlein im Dienste der Komposition. Und die Weiden trauerten nicht, sondern wiegten sich sanft im Wind. Neben dem Holzhaus waren akkurat die Brennholzscheite aufgestapelt. Nicht einmal der Küchenherd, der zwischen kniehohen Gräsern vor sich hin rostete, störte das Bild der Gefälligkeit.

          Meilenstein der Fotografiegeschichte

          Wie anders sieht das Grundstück auf Franks Schwarzweißfotografien aus: Da ist es eine zerzauste Landschaft, über die der Sturm Schlieren von Schnee vor sich her treibt, als tanzten die Geister. Dämonisch auch der Telegrafenmast, der zum Kreuz im Nebel wird, reflektiert in einem Spiegel, auf den Frank wie mit Blut in ungelenker Schrift „Sick of Good Bys“ geschmiert hat. Eine Fotosequenz zeigt einen großen Bilderrahmen im Garten, mal hier, mal dort aufgestellt, ohne dass er je etwas Besonderes hervorheben würde. Einfach nur ein leerer Rahmen, als wollte Frank das Wesen der Bilder selbst in Frage stellen. Auf der vermutlich einzigen gefällig arrangierten Aufnahme, die auf dem Grundstück entstanden ist, flattert ein Stück Papier an der Wäscheleine, darauf das Wort „Words“. Erbaulich ist auch das nicht.

          Der Blick verstellt vor lauter Heimatliebe: „Parade – Hoboken, New Jersey“ aus „Die Amerikaner“.

          Robert Frank ist eine Legende. Sein Buch „Die Amerikaner“, 1958 zum ersten Mal erschienen, ist ein Meilenstein der Fotografiegeschichte. Vermutlich ist es das beste Fotobuch, das je veröffentlicht wurde. Bis heute steht dieser Bildband, der gleichermaßen radikal die Ästhetik der Fotografie wie den Blick auf Amerika verändert hat, synonym für Frank, als handele es sich bei ihm um ein One-Hit-Wonder – und verstellte zeitlebens die Sicht auf das restliche Œuvre. Dabei ist es nur ein Mosaiksteinchen in einem allerdings fast durchwegs von Tristesse geprägten Werk. Im Rückblick erscheint es, als seien alle Bilder Franks ebenso wie die Dutzenden von Filmen, die er gedreht hat, nur einem einzigen Thema gewidmet: dem Tod, dem Scheitern und der Kälte, die zwischen den Menschen herrscht.

          „Diese bestimmte Zivilisation“

          Robert Frank kam 1924 als Sohn eines Deutschen in der Schweiz zur Welt, musste dort um die Staatsbürgerschaft kämpfen, die ihm Sicherheit bieten sollte vor der Verfolgung als Jude, so wie er später in Amerika neuerlich um die Staatsbürgerschaft rang. Schon in der Schweiz hatte er bei einigen Fotografen assistiert, bevor er nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Amerika auswanderte. Rasch erhielt er Aufträge von prominenten Zeitschriften und Magazinen, lieferte Mode, Werbung und Reisereportagen. Und doch widersetzte er sich ein ums andere Mal den Wünschen seiner Auftraggeber, galt als schwierig, und fand erst in der Freundschaft mit Walker Evans und Edward Steichen, den beiden großen Fotokünstlern jener Zeit, Bestätigung für seine rauhe, eigensinnige Bildsprache. Letztlich ihrer Patenschaft verdankte er ein Stipendium der Guggenheim Stiftung, das es ihm ermöglichte, mehr als ein Jahr lang an seinem Amerika-Projekt zu arbeiten. Und Peggy Guggenheim gab einen gebrauchten Ford oben drauf, einen Straßenkreuzer von der Größe eines Schiffs, der Frank und seiner Familie das Jahr über nicht nur Vehikel, sondern oft genug auch Wohnung war, während sie kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten fuhren.

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