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Zum Tod des Comicgenies Moebius : Im Banne der Meisterschaft

Jean Giraud alias Moebius Bild: AFP

Dass sein ewig neugieriger und kreativer Geist je stillgestellt werden könnte, war ihm selbst ein Greuel: Zum Tod des französischen Comicgenies Jean Giraud alias Moebius.

          Das letzte Mal traf ich Moebius in Paris. Ich lernte dabei einen Moebius kennen, von dem ich wusste, den ich aber noch nie getroffen hatte: den hemmungslos Bewundernden. Ein paar Meter weiter nämlich stand David Lynch, und als ich den berühmtesten lebenden französischen Comiczeichner auf den amerikanischen Filmregisseur aufmerksam machte, brach es aus Moebius heraus: „Was für ein großer Künstler! Ich muss ihn kennenlernen.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Moebius brauchte immer Meister, an denen er sich orientierte. Das klingt wie ein Paradox, denn er selbst war der größte von ihnen, ein Alleskönner als Zeichner, Erzähler und Maler. Aber seit der 1938 geborene Jean Giraud, der sich später Moebius nennen sollte, als junger Mann in dem belgischen Comicveteranen Joseph Gillain alias Jijé einen Ersatz für den eigenen Vater, der sich von der Mutter getrennt hatte, fand, bestand sein Leben aus der Suche nach spirituellen Haltepunkten.

          Jijé lehrte ihn das Comiczeichnen, aber die wichtigste Rolle für die Karriere des Schülers spielte der Meister als indirekter Namensgeber: Französischsprachige Zeichner jener Jahre liebten Pseudonyme und wählten dazu meist ihre in Umschrift gehaltenen Anfangsbuchstaben. Aber J.G. für Jean Giraud entsprach eben auch Jijé. Also wählte der Novize für seine ersten Arbeiten den Namen eines deutschen Mathematikers, der ihn im Lexikon durch die Beschreibung des nach ihm benannten Möbiusbandes fasziniert hatte.

          Auch der böse Geist in seinem Leben trug ein Pseudonym

          Auf dem Möbiusband wechselt man bis ins Unendliche ständig die Seiten, weil es mit sich selbst verschlungen ist. So arbeitete auch der Mann, der nun Moebius wurde, aber zugleich immer Jean Giraud blieb. Seine Science-Fiction-Geschichten signierte er als Moebius, seine Westernserie „Blueberry“ als Giraud. Ihn reizte das persönliche Vexierspiel, das seinen Gipfelpunkt mit der Autobiographie von 1999 erreichte: „Histoire de mon double“ (Geschichte meines Doppelgängers).

          Da war der Zeichner längst weltberühmt und von Künstlern aller Sparten bewundert. Der Weg dahin war lang. Nach Jijé kamen als gute Geister Jean-Michel Charlier, der für den Comicanfänger 1963 mit „Blueberry“ den ersten Erfolg schrieb, und dann ein Dutzend Jahre später der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky, der sich die Dienste von Moebius für die Verfilmung des Science-Fiction-Klassikers „Dune“ sicherte. Als dieser großangelegte Plan scheiterte, griff übrigens David Lynch zu. Jodorowsky verfasste als Ersatz das Szenario für die sechsteilige „Inkal“-Serie, die Moebius von 1981 bis 1988 zeichnen sollte. Das aber war schon die Zeit, als auch der erste böse Geist ins Leben von Jean Giraud getreten war: Jean-Paul Appel-Guéry. Auch er trug ein Pseudonym, „Ios“, und unter diesem Namen, den ihm Außerirdische gegeben haben sollten, predigte der Franzose in den siebziger Jahren das Ende der Welt, vor dem nur seine Anhänger gerettet werden würden.

          Moebius, der zum Star der Science-Fiction-Zeichner aufgestiegen war, der für die Spielfilme „Tron“ und „Alien“ Dekors entworfen hatte und bei dessen Serie „Arzach“ sich George Lucas die Kulissen für „Star Wars“ abgeschaut hatte, dieser in kosmischen Welten schwelgende Moebius verfiel dem Ufo-Glauben von Ios und schloss sich dessen Sekte an. Einige Jahre lebte er in einer Kommune, deren wichtigster Geldgeber und intellektuelles Aushängeschild der berühmte Zeichner war.

          Das Einzige, was in dieser Karriere unvollendet blieb

          Zehn Jahre lang brauchte Moebius, um sich von Ios zu lösen, doch in seiner Sektenzeit entstanden der Inkal-Zyklus und auch der Auftakt zur mehrteiligen Serie „Le monde d’Edena“, die das krude Ideengut seines damaligen Meisters in eine satirische Form bringen sollte. Da war Moebius schon dem Lebensreformer Guy-Claude Burger verfallen, dessen Lehre einer komplett pflanzlichen Ernährung den Comiczeichner seine Zähne kosten sollte.

          So kompromisslos sich Moebius seinen Meistern verschrieb, so grandios war sein Schaffen. Mit „Arzach“ und der in kurzen Fortsetzungen gezeichneten „Hermetischen Garage“ revolutionierte er nicht nur unsere Phantasmen von fernen Welten, sondern auch die Erzählweise des Comics. Als Zeichner arbeitet er analog zur surrealistischen „écriture automatique“: Wann immer ich ihn besucht habe, zeichnete er - während des Gesprächs, bei Spaziergängen, als Besucher in Museen oder als Stargast auf Messen. Er war einer der ersten Comic-Künstler, die Experimente mit den Graphikprogrammen von Computern unternahmen.

          Dass dieser ewig neugierige und kreative Geist je stillgestellt werden könnte, war ihm selbst ein Greuel. Seine bösen Meistergeister waren die, die ihm längeres Leben verhießen. Er zeichnete mit seiner unermüdlichen Produktivität seit einigen Jahren gegen eine schwere Krankheit an, die er niemals erwähnte. Als ich ihn 2011 in Paris traf, war er lebendig wie nie zuvor. David Lynch hat er damals leider nicht sprechen können, aber das ist das Einzige, was in dieser Karriere unvollendet geblieben ist. Am Samstag sind mit Jean Giraud und Moebius gleich zwei Legenden des Comics gestorben, denn ihr Werk hat sich zwar bisweilen stilistisch, inhaltlich aber nie vermischt. Es sind Bilder, zu denen einem die Worte fehlen. Nun fehlt auch ihr Schöpfer.

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