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Zum Tod des Architekten Jan Kaplický : Fassaden müssen schwingen

Kaplický ist am Mittwoch in Prag auf der Straße tot zusammengebrochen Bild: REUTERS

Mit hundert Dollar war er 1968 vor dem Kommunismus nach London geflohen, mit Weltruhm in der Tasche kam er nach Prag zurück: Der Architekt Jan Kaplický ist am Mittwoch in seiner Geburtsstadt gestorben. Seine aktuellen Projekte laufen weiter.

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          Für Jan Kaplický schien sich der Kreis geschlossen zu haben, als er vor zwei Jahren den Wettbewerb für den Bau der tschechischen Nationalbibliothek in seiner Geburtsstadt Prag gewann. Einunddreißig Jahre alt und ohne Hoffnung, sich unter dem kommunistischen Regime entfalten zu können, war Kaplický 1968 kurz nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen nach London geflohen. Er hatte hundert Dollar dabei, die ihm ein Kunde des privaten Architekturbüros geliehen hatte, in dem er nach dem Studium an der Akademie für Angewandte Kunst arbeitete.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In den ersten Londoner Jahren wirkte Kaplický an einigen der Gebäude mit, die in jeder Geschichte der britischen Nachkriegsarchitektur obenan stehen, angefangen mit Denis Lasduns National Theatre. Zu Beginn der siebziger Jahre war der inzwischen zu Renzo Piano und Richard Rogers übergewechsete Kaplický maßgeblich beteiligt am Entwurf des Centre Pompidou, konnte die Mannschaft jedoch nicht nach Paris begleiten, weil er immer noch keinen Pass besaß.

          Schon als Kind von Architektur fasziniert

          Stattdessen beschäftigte er sich im Büro von Rogers' einstigem Partner Norman Foster unter anderm mit dem Hauptquartier der Versicherungsgesellschaft Willis Faber and Dumas in Ipswich, das mit seiner geschwungenen Ganzglasfassade als eines der wegweisenden Werke der High-Tech-Architektur gefeiert wird und zu den jüngsten unter Denkmalschutz stehenden Bauten zählt.

          1979 gründete Kaplický sein einiges Büro Future Systems, das inzwischen weltweit bekannt geworden ist mit seinen unkonventionellen, organischen Formen.

          Der Name der Architektengemeinschaft spiegelt Kaplickýs Faszination mit der Technik von morgen, die bei ihm schon als Kind geweckt wurde durch die Exemplare der Zeitschift „Life“, die ein Patenonkel nach Prag schickte. Lange Zeit kamen die eigenwilligen, die Grenzen des Möglichen erforschenden Visonen nicht über das Reißbrett hinaus.

          Ökologische, selbsttragende Bauweise

          Der große Durchbruch gelang dem hochempfindlichen, misanthropisch veranlagten Tschechen Anfang der neunziger Jahre in Partnerschaft mit seiner ersten Frau Amanda Levete ausgerechnet im Herzen des konservativen Britannien, also am Lords Cricket Place in London, mit dem wie eine riesige Beobachtungskamera aus den Tribünen ragenden Medienzentrum.

          Die einschalige Alumiumkonstruktion wurde in einer Werft vorgefertigt. In der mit Aluminiumpailleten besetzten amoebischen Filiale des Kaufhauses Selfridges in Birmingham entwickelte Future Systems die Vorstellungen von ökologischer, selbsttragener Bauweise weiter.

          Neben zahlreichen Designprojekten folgten Aufträge für eine U-Bahn-Station in Neapel in Zusammenarbeit mit Anish Kapoor sowie das Maserati-Museum in Modena, das in diesem Jahr fertiggestellt werden soll. Die vergangenen zwei Jahre waren getrübt durch die bitteren Auseinandersetzungen um den Entwurf für die tschechische Nationalbibliotkek, der den Beinamen „Krake“ erhielt.

          Am Mittwoch ist der einundsiebzig Jahre alte Jan Kaplický in Prag auf der Straße tot zusammengbrochen, nur wenige Stunden nachdem seine zweite Frau eine Tochter zur Welt gebracht hat.

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