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Zum Stand der Dinge : Wohin steuert die zeitgenössische Kunst?

  • -Aktualisiert am

Auf den unzähligen Biennalen wird der Versuch der Kunst sichtbar, eine Welt verständlich zu machen, die so stark wie nie zuvor von Bildern geprägt ist. Kann die Kunst dieses Versprechen halten?

          Was ist Kunst? Seit Duchamp wissen wir: Potentiell alles. Wer macht Kunst? Seit Beuys wissen wir: Potentiell alle. Wo ist Kunst? Seit dem drahtlosen Internet sagt man uns: Potentiell überall. Bleibt also nur noch die Frage, ob sich Kunst als Lebensform, Gedankenquelle und Reizreservoir nicht erledigt hat, weil sie ursprünglich das Besondere, Unalltägliche wollte und das im Laufe der ästhetischen Revolutionen der letzten hundert Jahre verlieren musste. Adorno nennt es den „Schock“.

          Peter Bürger hat 2001 in seinem kleinen Band „Das Altern der Moderne“ in Anlehnung an Adornos Essay über die musikalische Avantgarde von 1973 in der Einleitung den Versuch einer kritischen Auseinandersetzung begonnen: „Hat die künstlerische Moderne mit ihren Gegnern nicht auch ihren Biss verloren?“ Eine Antwort gab er nicht. Sein Angriff auf die Gegenwartskunst verhallte, weil dem Autor schon die grundsätzliche Leidenschaft für den losgelösten Wahnsinn der zeitgenössischen Kunst fehlte, durch den man sich wühlen muss, weil alle medialen Grenzen überschritten sind - etwa durch Daniel Buren, der in den sechziger Jahren Streifenmuster als Werkzeug verwendete, um unseren Wahrnehmungsapparat zu analysieren - für Bürger waren das schlicht „Markisenstoffe“. Mit den Wirklichkeiten und Wirkungen ist es eben so eine Sache. Auch wenn Bürger nicht zu den Gegenwartskunstbesessenen gehört: Seine Frage war grundsätzlich berechtigt und als Provokation notwendig. Und sie ist es heute noch.

          Festgezurrt von Alten Meistern

          Noch nie hat die Kunst der Weltgesellschaft so gern von Inhalten erzählt wie jetzt. Allein in diesen Wochen sehen wir eine unglaubliche Anzahl an Kunstbiennalen überall in der Welt, vom chinesischen Chengdu über Lyon mit dem Motto „Une Terrible Beauté est née“, Peter Weibels Biennale in Moskau mit „Rewriting Worlds“, Istanbul mit ihrer programmatischen „Untitled“-Biennale, die überraschende Pekinger Biennale und schließlich, im Herzen der Alle-zwei-Jahre-Veranstaltungen, die Biennale von Venedig. Dort geht es sehr esoterisch zu mit Bice Curigers „ILLUMInations“. Die ausgestellten Künstler sind unzählbar. Wiederholungen aber bekannterweise sehr üblich. Die Gegenwartskunst gebiert erstaunlich schnell eine Kanonkultur.

          Auf den Biennalen verfestigt sich ein Eindruck: Der zeitgenössischen Kunst ist die Gegenwart abhandengekommen. Sie holt sich Zeugen aus der Moderne oder bemüht Alte Meister, damit die uns erklären, was „Zeitgenossenschaft“ bedeutet. In Venedig werden drei riesenhafte Gemälde von Tintoretto gezeigt, um das Gegenwärtige, Visionäre unserer aktuellen Kunstlandschaft zu erklären. Die zeitgenössische Kunst wird dadurch in einer Weise festgezurrt, dass sie einem nur leidtun kann, was selbst den Werken des Spektakelmalers Jack Goldstein nicht bekommt. In Lyon wird Alberto Giacometti überraschend zwischengemischt; seine Porträtzeichnungen hängen in einem Raum mit Marlene Dumas’ pastelligen Fratzen und Cildo Meireles’ langen Fäden, die das Gehen schwermachen und irgendwann, einen langen Raum weiter in einem Besen enden. Warum ist die zeitgenössische Kunst so wenig selbstbewusst? Oder ist diese Durchmischung ein Zeichen, dass wir in eine neue Zeit übergehen?

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