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Zum Stand der Dinge : Wohin steuert die zeitgenössische Kunst?

  • -Aktualisiert am

Monströs und doch harmlos

Dann scheint die erste Erkenntnis auf: Hier steht der hintere Teil eines Lastwagens. Er ist beladen, die Plane fehlt. Wir wagen immer mehr, trauen uns, um den Wagen herumzulaufen, fassen ihn an, wollen hinaufsteigen und hineinsehen, aber das ist unmöglich. Die Dunkelheit bleibt, nur das Auge gewöhnt sich. Am Ende bleibt alles nur Umriss. Wir verlassen mit sicherem Schritt den Raum, jedoch ohne Wissen, was wir hier erforscht haben. Ein lebensgroßer Lastwagen mit unbekannter Fracht an einem dunklen Ort. Der spanische Künstler Iñigo Manglano-Ovalle hat den „Phantom Truck“ 2007 nach einem Satellitenfoto der amerikanischen Armee gebaut.

Das Bild sollte einst beweisen, dass der Irak mobile Biowaffenlabore betreibe, und den amerikanischen Angriff vor dem UN-Sicherheitsrat rechtfertigen. Je länger man die monströse Silhouette betrachtet, desto harmloser wirkt sie. Biowaffen konnten im Irak nie nachgewiesen werden. Wir erinnern uns an Guernica, weil es Picassos Gemälde gibt. Der „Phantom Truck“ ist in Berlin schon nicht mehr zu sehen.

Was sagt uns diese Kunst? Der Reiz muss von formalen Attributen ausgehen, sonst hätte der Künstler auch ein Flugblatt verteilen können, das alle rationalen Inhalte detailliert und präzise transportiert hätte. Nun, in was für eine Kategorie fällt dieser Truck, Illustration einer bekannten Gegebenheit oder gesellschaftlich relevante Kunst? Dieses Kunstwerk ist von einer kraftvollen Zeitgenossenschaft, der Zugriff des Künstlers auf die Welt krankt nicht an Bescheidenheit. Gesellschaftlich relevant bedeutet hier nicht, die soziale Frage bearbeitend, sondern, und das schafft dieses Werk, eine Beziehung zwischen Kunst und Publikum herzustellen. Wie schnell aber altert so etwas. Vier Jahre nach der Entstehung ist das Motiv zum lehrreichen Historienbild geworden. Doch wie Manets berühmtes Gemälde „Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“ von 1868 lässt es Leerstellen, die Raum bieten, auch in ferner Zeit einem Werk wichtige Inhalte abzugewinnen.

Kunst als verändernde Kraft

Künstlerische Äußerungen haben großes Gewicht in unserer Gesellschaft. Es gehen mehr Menschen ins Museum als ins Fußballstadion. Das Problem ist die Segregation als Summe aus Verfall von Plausibilität, Trennung von Bewegungsmomenten und Gefahr der Beliebigkeit. Es gibt kein Außerhalb der digitalen Bildlichkeit, aber das, was gezeigt wird, geht tatsächlich alle an, nicht nur die Ästhetik.

Das kann auch die Kunst nicht kaltlassen, so wenig wie ihre Begriffe, ihr Publikum, ihre Vermittler. Ich bin nicht davon überzeugt, dass Kunst allein die Menschheit verändern kann. Ich bin aber davon überzeugt, dass, wer etwas ändern will, dazu nicht nur auf begriffliches und politisches, sondern auch auf ästhetisches Werkzeug angewiesen ist. Der Werkzeugkoffer heißt praktische Bildkritik. Wer greift zu?

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