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Zum Stand der Dinge : Wohin steuert die zeitgenössische Kunst?

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Als Jeff Wall den Realismus zurückholte

Wie Form und Inhalt oder Ästhetik und Politik stehen diese beiden zeitlichen Größen in einer wechselseitigen Abhängigkeit, die durch Mechanismen von Markt, Kritik, Ausstellungs- und Galerienpraxis allerorten künstlich zerschnitten wird. Diese Schnitte segregieren das Kunstfeld, wie die sozialen Krisen der Weltgesellschaft die wirklichen Gemeinschaften auseinandertreiben. Wie kann Kunst solche Trennungen überwinden, in welcher Mitte muss sie arbeiten, um die gegenstrebigen Momente wieder zusammenzuführen in einer avancierten Gesamtschau?

1956 schuf Richard Hamilton seine Collage „Just What Is It that Makes Today’s Homes so Different, so Appealing?“ aus dem neuen Fundus der so unbekannt-bunten neuen Magazinwelt. Seine entscheidende Ressource war die medial verrückt gewordene Gegenwart der späten fünfziger und sechziger Jahre. Er saugte das technische und gesellschaftliche Spektakel in sein visionäres Werk. Rund zwanzig Jahre später wurde Jeff Wall mit seinem Leuchtkasten „The Destroyed Room“ bekannt. Er holte mit der wohlinszenierten Fotografie den Realismus zurück, aber auch die Werbung hinein.

Inzwischen machte sich Dan Graham unter abermals veränderten technischen Vorzeichen an seiner Gegenwart zu schaffen: Mittels Videokamera erprobte er die Grenzen und Möglichkeiten des neuen Mediums, zeigte dem Betrachter in verspiegelten Kuben das Spiel des Beobachtens und Betrachtens. 1991 thematisierte der Kubaner Félix Gonzáles-Torres die Unerbittlichkeit von HIV mit seinem im öffentlichen Raum auf Werbeplakat präsentierten Bett. Die beiden Menschen, die hier schliefen, haben nur Abdrücke hinterlassen. Sein Werk war nun auch Ausgangspunkt für die Biennale in Istanbul, weil er es schaffte, das Persönliche mit dem Politischen in einer künstlerisch, also medienbewussten Form zum Werk einzuschmelzen.

Die Kunstwelt hält die Stellung

Auch heute zittern die Medien, weil der soziale Boden bebt. Aber davon künstlerische Medienentscheidungen zu abstrahieren ist gar nicht so einfach. Die Fotografie hat einst den Wettstreit aufgenommen mit der Malerei. Die Malerei des zwanzigsten Jahrhunderts steht gleichzeitig unter dem Paradigma der Fotografie. Nach dieser kamen das Video und nun auch das Netz. Das bewegte Bild wird zum Zentralfetisch der Informationswelt. Nicht im Fernsehen, sondern auf Youtube und Facebook werden die gesellschafts-künstlerischen Inhalte verbreitet.

Die Kunstwelt des Jahres 2011 aber verteidigt ihr etabliertes Terrain unerbittlich, während der Rest der Welt den neuen, digital organisierten und vermittelten Segregationen zwischen Alt und Neu, Form und Inhalt, Nachricht und Meinung erliegt. Zeitgenössische Kunst zieht das Scheitern an wie das Licht die Motten. Weil sie neu sein muss, wird sie rasch obsolet. Zu Zeiten, da die Klassische Moderne geschaffen und von der unterrichteten Kritik auf Begriffe gebracht wurde, gab es noch Kategorien, wie die, dass sie in Widerspruch zu ihrer Idee gerate und deshalb auch die eigene ästhetische Substantialität und Stimmigkeit einbüße.

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