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Zum Stand der Dinge : Wohin steuert die zeitgenössische Kunst?

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Ein ähnliches Beispiel ist der Pavillon der Schweiz: Er ist über und über zugemüllt. Thomas Hirschhorn war hier am Werk und hat, so merkt man schnell, ein zeitgenössisches Universum geschaffen, das für sensible Gemüter auf keinen Fall empfehlenswert ist. Motivisch ist er sehr aktuell: An mit Alufolie eingepackte Fitnessgeräte, mit Handys beklebten Gartenstühlen sind lange Klebebandfäden gewebt, an denen abertausend Fotografien hängen aus dem Fach: Grausamkeiten aus aller Welt.

Diese Bilder sind von unmittelbarer Brutalität. Sie zeigen all das, was uns in den Medien aus Rücksichtnahme vorenthalten wird. Von Bomben zerfetzte Köpfe - die Realität des Krieges hinter der medialen Benutzerfassade. Nach nur fünfzehn Minuten in diesem Horror, in dem man sich dann auch noch leicht verfranzt und den Ausgang suchen muss, gepeinigt von der Grausamkeit offenliegender Gehirne, bleibt draußen nur noch die kathartische Erleichterung, diesen Wahnsinn nicht noch einmal sehen zu müssen. Auch das ein übliches Prinzip unseres Alltags - aber als Kunst im 21. Jahrhundert? Ist es doch die Wiederholung aller Inhalte, die wir mittlerweile im Internet spielend abrufen können.

Exportkunst für Moskau

Wenige Meter weiter erholt man sich beim Blick auf den vergleichsweise harmlosen Ansatz im dänischen Pavillon, der aber auch die Politik beschwört mit seiner internationalen Gruppenausstellung zur „Revolutionary Free Speech“. Alles sehr politisch also. Doch ist das der neue Weg, „zeitgenössisch“ als politisch zu begreifen? Die zeitgenössische Kunst hat sich in den vergangenen zehn Jahren auffallend politisiert - oder präziser: dazu hinreißen lassen, politische Themen in einer Direktheit abzubilden, wie es sie selbst in der politischen Kunst der sechziger Jahre so nicht gab, in der das Politische als Aufforderung zum Handeln, die Kunst als ein Experimentierfeld einer anderen Gesellschaft aufgefasst wurde.

Doch ist das die Lösung? In Moskau hat der Karlsruher ZKM-Vorstand und Ex-Künstler Peter Weibel seine Gegenwartskunst hingekarrt, die nun dort „die Welten umschreiben“ soll. Ein großer Anspruch. Aristarkh Chernyshev und Alexei Shulgin haben gleich an den Eingang ein großes Kreuz gehängt, ausgeschnitten aus einer Flughafenanzeigetafel: „Big talking Cross“ von 2011. Dieses religiöse Symbol, verbunden mit der Fluggefahr, ist 2011 jedoch nicht mehr als eine Erinnerung an den 11. September 2001. Derartiger Stoff aber vernichtet paradoxerweise den Gegenwartsanspruch, weil er sehr schnell historisch, also das Gegenteil von aktuell wird. Denn die Beschleunigung ist im Netzwerkzeitalter frappant.

Das wissen wir alle und gähnen gern bei dem Thema. Es ist auch keine Ausrede. Die Kunst hat es immer geschafft, diese Hürde zu überspringen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass uns im Rückblick auffällt, dass die Kunst im Unterschied zur Literatur und zum Film einen Bogen um den Kern, das Wesen der Veränderungen in unserer Gesellschaft gemacht hat, wie damals nach 1989 auch um das Ende des Kalten Krieges samt Wiedervereinigung, das die Kunst in ein ähnliches kulturelles und ökonomisches Spannungsverhältnis versetzte - ganz nach dem Beuysschen Motto „I like America and America likes me“, wie es Philip Ursprung treffend feststellte. Ohne Geschichte keine Gegenwart, ohne Gegenwart keine Verwendung für die Vergangenheit.

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