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Slavoj Žižek zum Siebzigsten : Zickzack nach links

Slavoj Žižek 2011, im Hintergrund die Frankfurter Skyline Bild: Frank Röth

Seine Wahnsinnstheorien sind putzmunter, wenn er das linksliberale Gewissen zu kitzeln und die Erotik gegen den Feminismus zu verteidigen sucht: Zum Siebzigsten des Philosophen Slavoj Žižek.

          2 Min.

          Dass er einmal lobend auf Lenin herumreiten würde, war ihm weder an der Wiege noch bei der Promotionsfeier gesungen worden. Im mittlerweile zerstörten Staat Jugoslawien gehörte Slavoj Žižek in den Denknebel ums retromodernistische Kollektiv der Neuen Slowenischen Kunst („NSK“) und studierte Hollywoodklassiker als psychoanalytisch interessierter Linksabweichler vom sozialistischen Realismus und realistischen Sozialismus. Anstatt dem Freudomarxismus eines Wilhelm Reich (Hardcore: ambulante Sexualberatung fürs Proletariat) oder Erich Fromm (Softcore: Wo bleibt die Liebe in der Warenwelt?) hinterherzulaufen, huldigte Žižek dem Franzosen Jacques Lacan. Dessen therapeutische Hauptinnovation bestand in ärztlichen Verfahrensfehlern (Sitzungen verkürzen, den Kranken nicht mehr zuhören), die Theorie dazu malt Matheschautafeln esoterischer Paralinguistik.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Das 1991 bei Merve erschienene Bändchen „Liebe Dein Symptom wie Dich selbst!“ benennt die bis heute tragenden drei Säulen von Žižeks Bücherbau: „die Lacansche Psychoanalytische Theorie, die Hegelsche Dialektik und die post-marxistische Ideologiekritik“. Man kann nicht sagen, dass niemand gemerkt hätte, was da geschah. Der Gesellschaftstheoretiker Cornelius Castoriadis etwa fing seinerzeit, als er in einem Interview auf Žižek hingewiesen wurde, mit dem Ausruf „Es gibt Lacanisten in Jugoslawien?“ an zu lachen, und bei Rainald Goetz steht im Erzählversuch „Ästhetisches System“, der im selben Jahr wie „Liebe Dein Symptom“ erschien: „Herr Goljadkin wirft sich auf den Boden, schließt die Augen. Ich werde diese Wahnsinnstheorien dieses angeblichen ‚Slavoj Žižek‘ widerlegen. Lacan: Teufel, siehe Drewermann.“

          Immer seitlich nach hinten

          Wer Drewermann war, weiß kein Mensch mehr, aber Žižeks Wahnsinnstheorien sind putzmunter – das heißt, nicht so sehr die Theorien, eher ist das der Autor, der seine freigiebige Linke nicht wissen lässt, was seine freigiebige Rechte tut, wenn er mal den Klassenkampf ins linksliberale deutsche Forum schaufelt (wobei’s ihm nicht um Mindestlohn oder Streik geht, sondern darum, das linksliberale schlechte Gewissen zu kitzeln) und dann wieder die Erotik im konservativen Schweizer Blatt gegen den Feminismus verteidigt.

          Figaro hier, Figaro da, immer im Zickzack, immer seitlich nach hinten: Ein Sammelband namens „Lenin heute“, den Žižek 2017 kompiliert hat, bietet weder „Staat und Revolution“ noch „Was tun?“ noch „Der Imperialismus als letztes Stadium des Kapitalismus“ im Zusammenhang; Übersicht und Klarheit mag der Kurator nicht, aber ein Telegramm an Stalin ist dabei. Gänsehaut bei der Zielgruppe also garantiert, die sich von Žižek gern Sachen sagen lässt wie die Schlussbehauptung in „Weniger als Nichts – Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus“ (2016): „Die Geschichte des Kommunismus ist geprägt durch zwei Jahrtausende gescheiterter radikalegalitärer Rebellionen, angefangen bei Spartacus.“ Wieso macht Spartacus den Anfang, weshalb nur zwei Jahrtausende, was ist mit Moses gegen Pharao?

          So konkrete Fragen darf man einem Mann nicht stellen, der sein Buch „Die Tücke des Subjekts“ (2010) mit dem Kalauer „Ein Gespenst geht um in der westlichen Wissenschaft, das Gespenst des cartesianischen Subjekts“ anfängt, sonst könnte ihm einfallen, dass das Gold der Morgenstund die orale Phase symbolisiert oder wie oder was.

          Andererseits: Wenn der live jederzeit äußerst unterhaltsame Enthusiast Žižek über Filme redet, wird ansteckend deutlich, wie gern er welche guckt. Aber für den Lebensberuf Kino-Videoblogger ist er am falschen Ort geboren, und zu früh. Heute wird der öffentlich erfreulich unempfindliche, um keinen Faustkampf verlegene Klassenkampfkasper siebzig Jahre alt.

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