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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie brutal sind Ultras?

Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) sind auch nach Feierabend mal wieder ganz bei der Sache. Bild: NDR/Christine Schroeder

Spaß am Verprügeln, barbarisches Gehabe – der Rostocker „Polizeiruf 110“ stellt die Ultras beim Fußball als primitive Meute dar. Hinzu kommt ein trinkfreudiger Kommissar. Wie realistisch ist das alles?

          Unter einer Brücke der A20 kommt es zum „Match“. Verfeindete Gruppen von Ultra-Fans prügeln aufeinander ein, doch als die Polizei anrückt, herrscht kollektives Schweigen. Eine Schlägerei habe nie stattgefunden, so die Krawallbrüder unisono – für den Einsatzleiter Rico Schmitt (Shenja Lacher) ein klassischer Fall von „Ultraehre“.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Polizeibeamte selbst ist nicht so ehrenhaft, wie es scheint. Denn es war Schmitt, der einen Kollegen bei einem früheren Einsatz im Stich ließ, als dieser zum Pflegefall geprügelt wurde. Und es ist Schmitt, der Olaf Putensen (Steffen C. Jürgens) zu Filmbeginn vor den Laster schubst.

          Im wahrsten Sinn des Wortes „bis zum Erbrechen“ kämpfen sich Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) durch dieses Dickicht aus Gewalt. Dank polizeilicher Filmaufnahmen lässt sich der Mörder schließlich überführen – wäre das auch in der Realität so einfach gewesen? Und wie sieht die Ultraszene fanatischer Fußballfans wirklich aus?

          ***

          Frage 1: Verabredung zu „Matches“ und ein ausgeprägter Hang zur Gewalt – kann man Ultras, und Hooligans so leicht in einen Topf werfen?

          Rückkehr des verlorenen Capos: Stefan Momke (Lasse Myhr, vorne links) strebt nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nach alter Geltung.

          Antwort von Jonas Gabler (Politologe, Autor mehrerer Bücher über Ultras und Mitglied der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit„ (KoFaS) der Universität Hannover):

          Tatsächlich sind solche „Matches“ – oder Drittortauseinandersetzungen, wie die Polizei sie nennt – traditionell eine Domäne der Hooligans. Mittlerweile gibt es aber auch in einigen Ultragruppen Personen, die sich an solchen verabredeten Schlägereien beteiligen. Das gilt jedoch keineswegs für alle Ultragruppen, geschweige denn für alle Ultras – für viele käme die Beteiligung an solchen Schlägereien nicht in Frage. Zudem darf man Ultras nicht auf diese Aktivitäten reduzieren oder denken, dass es bei ihnen in erster Linie darum ginge. Ultras stehen auch für Support, Choreografien, Engagement im Verein, soziales Engagement, an manchen Standorten auch für eine aktive Arbeit gegen jegliche Form von Diskriminierung. Repräsentativ ist das hier gezeichnete Bild der Ultras in jedem Fall nicht. Das Verhältnis zwischen Polizei und Ultras beziehungsweise Hooligans ist allerdings tatsächlich sehr schlecht.

          ***

          Frage 2: Was bringt Menschen dazu, statt im Boxring auf der grünen Wiese aufeinander einzuklopfen? Vor allem: Was hat das Ganze überhaupt noch mit Fußball zu tun?

          Antwort von Jonas Gabler:

          Teilweise schlagen sich Hooligans heute durchaus auch im Ring. Nicht unbedingt bei Boxkämpfen, aber bei anderen Kampfsportveranstaltungen, wo sie sportliche Auseinandersetzungen austragen. Es gibt aber in Deutschland noch keine organisierten Kampfsportveranstaltungen, bei denen Teams gegeneinander antreten. „Hooliganmatches“ bieten den Beteiligten genau diese Möglichkeit. Heute hat das tatsächlich nur noch wenig mit Fußball zu tun, außer dass sich die jeweiligen Gruppen zumeist einem Fußballclub zuordnen. Historisch betrachtet sind diese Aktivitäten aber aus der Fußballfankultur heraus entstanden. Vor 20 Jahren fanden die Schlägereien zwischen Hooligans noch am Spieltag und in den Stadien beziehungsweise deren Umfeld statt. Im Zuge einer immer intensiveren Strafverfolgung und Überwachung haben die Hooligans ihre Aktivitäten von den Stadien und Spieltagen wegverlagert, hin zu vereinbarten „Matches“. Hier entziehen sie sich der polizeilichen Kontrolle, und es beteiligen sich nur Personen, die sich daran beteiligen wollen.

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          Frage 3: Wer verabredet sich zu solchen Schlägereien? Auch Zahnärzte - wie der im Film nur hauptberuflich friedliebende Olaf Putensen?

          Ausstieg auf Raten: Im neuen Leben mit Sohn und Freund bricht Doreen Timmermann (Lana Cooper) nur bedingt mit liebgewordenen Traditionen.

          Antwort von Jonas Gabler:

          Hooligans gehören tatsächlich allen sozialen Schichten an. Das Klischee, dass es sich bei ihnen um Menschen aus den unteren sozialen Schichten handelt, ist falsch. Weder Bildung noch ein guter ökonomischer Status hält Hooligans von der Beteiligung an solchen Aktivitäten ab. Die Tatsache, dass es sich bei Ihnen zu nahezu 100 Prozent um Männer handelt, verweist allerdings darauf, dass die Motive eher in traditionellen Männlichkeitsbildern bei den Hooligans zu suchen sind.

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